Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

330 Zwanzigstes Buch. Viertes Kapitel. 
Er hat dabei in den zahlreichen Opern, die er schrieb, 
nicht eigentlich einen neuen Stil entwickelt. Er brachte nur 
durch ernstere Auffassung und die Kunst, bei vielseitigster musi— 
kalischer Formgebung Tragisches dennoch schlicht ergreifend zu 
berichten, sowie durch Einschmelzung einzelner Elemeute der 
französischen Oper die italienische Oper in deutschem Geiste zur 
Vollendung. Nicht die Weiterbildung der Oper ins dramatisch 
Lebendige, sondern vielmehr ihre innere Durchbildung ins musi— 
kalisch Schöne, Charakteristische, Freie ist ihm zu danken. 
Bei solcher Behandlung des Dramatischen war Händel 
ohne weiteres, zumal als Meister der Orgel, auf die An— 
wendung der ernsthaft genommenen Kunstmittel der Oper auch 
auf ernste Stoffe hingewiesen, mochten diese nun der biblischen 
Tradition oder der antiken Mythologie angehören. Und indem 
er dieses Weges zog und Stoffe der genannten Art in dem zum 
bloßen Konzertsaal umgewandelten Bühnenraume heimisch machte, 
ward er zum Schöpfer des großen Oratoriums. 
In den Jahren 1732 bis 1734 brachte er zu London und 
Orxford seine ersten Werke dieser Art, die „Esther“, die 
„Deborah“ und die „Athalia“, zur Aufführung; ihnen folgte 
nach anderen alttestamentlichen und allegorischen Stoffen 1741 
der „Messias“, neben „Israel“ (vom Jahre 1788) und „Judas 
Makkabäus“ (vom Jahre 1746) wohl die Krone seiner Ora— 
torien. 
Die Händelschen Oratorien sind nicht eigentlich Kirchen⸗ 
musik, und jedenfalls weisen sie, insofern sie im weiteren Sinne 
diesem Begriffe angehören, fast alle musikalischen Ausdrucks— 
mittel der gleichzeitigen Oper auf. Nur daß diese Mittel ver— 
geistigt erscheinen, und daß das Maß ihrer Anwendung im 
einzelnen von dem in der Oper gebräuchlichen verschieden ist. 
Vor allem wird der Chor ganz anders betont. War er in der 
italienischen Oper zugunsten des Bravourgesangs stark ver— 
nachlässigt worden, spielte er auch in der französischen Oper 
trotz stärkerer Verwendung keine entscheidende Rolle, so tritt er in 
Händels Oratorien fast im Sinne des Chors der griechischen 
Tragödie auf: miterlebend, teilnehmend, ins Allgemeine er—⸗
	        
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