358 Swanzigstes Buch. Viertes Kapitel.
Gellert (1715 —- 1769) war in seiner ersten Periode der
Hagedorn Leipzigs, aber in erhöhter und vervollkommneter
Gestalt, insofern er sich, wenn auch noch der Mann,
in dessen Mund Vernunft, gekränzt mit Anmut, lacht,
doch der neueren Richtung auf die Betonung des Gefuhls und
dem Streben nach Natürlichkeit weit energischer hingab als
Hagedorn. Es find die Zeiten, da er sich Günthers dichterische
Art teilweis zum Muster genommen hatte, da er Lehrer
des Küssens und Tändelns war, da er von Wein und Liebe
sang und spottend auf den Glauben der Kirche herabschaute.
Mit zwölf Liedertexten auf Menuette und Polonaisen war er
1743 zuerst aufgetreten; Schäferspiele folgten; das Liedspiel, Die
Betschwester“ (1745) geißelte lieblose Frömmelei und Heuchelei;
die Fabeln und Erzählungen (seit 1746 gesammelt) spiegelten
in der Art Lafontaines die große und kleine Welt nicht ohne
bedenkliche Ausflüge in das Gebiet des Frivolen aufs munterste
wider, und der ebenfalls seit 1746 erscheinende Roman „Leben
der schwedischen Gräfin von G...“ vertiefte sich in die
schwierigsten Probleme geistiger und —D
Was hatte in dieser Entwicklung nicht schon alles an—
geklungen, was war von ihr zu erwarten, wenn dem Manne,
der sie durchgemacht, die Freiheit des Geistes blieb, den Sprung
in die unbekannten Wasser der neuen Dichtung kühn und doch
überlegt zu wagen!
Aber Gellert war nach Herkunft wie gesellschaftlichen Zu—
sammenhängen mit den gut bürgerlichen Kreisen der ersten
Hälfte des 18. Jahrhunderts verwachsen; und schon seine
Fabeln und Erzählungen mit ihrer Rokoko lebendigkeit ließen
erwarten, daß er ihr schwerlich untreu werden würde. Zudem
hatte er grade auf diesem Gebiete den entschiedensten Erfolg —
natürlich, denn hier wurde er am besten verstanden! —, und vor
allem: zunehmende Hypochondrie wies ihn philisterhafter, morali⸗
sierender, schließlich sogar frömmelnder Haltung zu.
So entwickelte sich der Gellert, der der Nachwelt vor allem
vertraut geblieben ist, den wir aus Goethes Schilderung kennen;
der Gellert, dem die Dichtung dazu da zu sein schien, „dem,