860 õwanzigstes Buch. Viertes LKapitel.
Ähnlich aber stand es für Deutschland zunächst auch mit
dem Einflusse der antiken Plastik. Diese Plastik an Originalen zu
studieren, war hier in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts
eigentlich nur in Dresden möglich; und auch in Dresden waren
die vorhandenen Originale so wenig zugänglich, daß zum Beispiel
Winckelmann sie erst gegen Schluß seines Dresdner Aufenthalts
entdeckt hat. Und so ergab sich denn, was im Grunde schon seit
dem 16. Jahrhundert, wenn auch nicht mit gleicher Ausschließlich⸗
keit wie jetzt, gegolten hatte: den stärksten Einfluß der Antike
konnte man am Ende noch auf dem Gebiete der Architektur
erwarten. Denn hier kannte man jetzt nicht bloß die Theo—
retiker der Alten, einen Vitruv und andere, sondern neben
ihnen hatte man auch eine Fülle unmittelbarer und greif⸗
barer Anschauungen durch eine bereits im 17. Jahrhundert
beginnende Archäologie der Reisen gewonnen. Da hatte schon
Jacques Spon der wissenschaftlichen Welt die Kenntnis hon
Korinth und Athen erschlossen; 1676— 1678 war die Be—
schreibung seiner Reisen in Griechenland erschienen. Dann
hatten in Frankreich Jean Mabillon, Bernard de Mont—
faucon und der Graf de Caylus den Grund zu einer Wissen⸗
schaft der antiken Archäologie gelegt, zunächst auf der Basis von
Kleinaltertümern zwar, doch auch mit manchem höheren archi⸗
tektonischen Gewinne. Und währenddes war im Jahre 1719
Herkulaneum entdeckt worden, und 17838 begannen die zunächst
freilich sehr beschwerlichen und verhältnismäßig noch wenig
lohnenden Ausgrabungen. Gleichzeitig verbreitete sich die Kunde
von den wunderbaren Ruinen zu Pästum. Und darauf folgte
im Jahre 1748 die gewaltiges Aufsehen erregende Entdeckung
von Pompei, während im gleichen Jahre die Engländer Stuart
und Rewett eine wissenschaftliche Reise nach Griechenland
unternommen hatten, deren Ergebnisse sie in einem Foliopracht—
werke von vier Bänden mit über 300 Tafeln in den Jahren
1776 - 1816 veröffentlichten, Tafeln, die zuerst einen voll⸗
kommneren Einblick in die Welt der griechischen Architektur ge—
statteten, wie denn kurz vorher durch Piranesis Sammelwerk
(1756) die tiefere Kenntnis römischer Bauten vermittelt worden