Weitere musikalische und literarische übergänge. 383
vor einem Jahrhundert lebendige Gehalt der „Minna von
Barnhelm“. Hier ist ein herrlicher Stoff unter dem frischen
Eindrucke der außerordentlichen Umstände, aus denen er
hervorging, noch gleichsam unter dem abhallenden Donner
des Siebenjährigen Krieges mit glücklicher Hand geformt und
den Charakteren jenes frische Dasein und jene heitere Innerlich—
keit verliehen, die ihnen das vollste Interesse auch noch der
GBegenwart sichern.
Und so darf man sagen: an dieser Stelle seines Schaffens
am meisten drängten günstige Mächte bei Lessing die Seiten
zurück, in denen er ein Kind war nur seiner ihn unmittelbar
umgebenden Zeit und der Vergangenheit, und hoben hervor,
was in ihm prophetisch lebte. Hier am wenigsten zeigt er den
Januskopf, der sonst nirgends verkennbar ist — um so weniger
berkennbar, als sich Altes und Neues bei Lessing in wunder—
barster Klarheit des Gedankens, in kristallheller Fassung der
Sprache zusammendrängen. Lessing war von allen Aufklärern
der subjektivste, von allen Anhängern der Renaissance der
nodernste; und in seiner Lebensführung, seiner Weltanschauung
und seinen Künstlereigenschaften lassen sich deutlicher als irgendwo
die letzten und schmalsten Grenzlinien erkennen, in denen sich
die Aufklärung vom Subjektivismus schied, und jenseits deren
die griechische Renaissance der modernen Geistesentwicklung nicht
mehr gänzlich zu folgen imstande war.
VI.
Wir stehen auf einer letzten hohen Klippe, von der sich
eine unendliche, sehnsuchtsvoll stimmende Fernsicht schon hinein—
erstreckt in das Gebiet des uns heute noch umfangenden Zeit⸗
alters, in das Land des Subjektivismus. Und schauen wir
von dieser Höhe rückwärts, so überblicken wir nicht minder all
die Höhen und Täler, all die Heerstraßen und gewundenen Pfade,
all die Bergkulissen, die, eine hinter der andern zurück—
weichend, den Bereich des Individualismus umfassen und sich
hinter ihm noch weit, weit fort verlieren in die blauen und