390 Zwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.
züge auf dem eigentlichen Gebiete des Gemütslebens handelt,
die Musik. Die Zeiten Händels kamen herauf, Bach erfüllte
alte Formen mit sehnsuchtsvollen Ahnungen neuen Lebens; in
den Anfängen des modernen Liedes erbebten erste leise Atem—
züge des vollen musikalischen Subjektivismus. Und auch in
der Dichtung regte sich's schon. Die Schweizer siegten über
Gottsched; die Dichter des Leipziger Milieus der vierziger und
fünfziger Jahre wurden wenn nicht gemütvoll, so doch nicht
selten sentimental; Geßner schuf seine Idyllen, Lebewesen schon
ein wenig subjektivistischer Natur, und in Lessing trat die
innerlich tiefherzige Heldenfigur des Uberganges auf von dem
einen großen Zeitalter zum andern. Inzwischen aber — wir
werden es später sehen — hatten schon längst die Haller und
Günther in neuen Tönen zu singen begonnen, erschütterte
Klopstock mit den ersten Gesängen seiner Messiade die
stimmungsreich gewordene Welt: wurde von der Dichtung wie
sogar schon von der Wissenschaft die neue Seele entdeckt, die
Seele der Empfindsamkeit, des Sturmes und Dranges, des
primitiven Subjektivismus. Und weit hinaus in die deutschen
Lande schmetterten die Fanfaren einer neuen Zeit; herauf kam das
Zeitalter eines Klassizismus, dessen Dichtung die Phantasie, dessen
Philosophie das Denken der Völker erfüllte: und mit ihm das
Jahrhundert des Siegeszuges germanischen Wesens hin durch
alle Welt. —
Begruben aber die Elemente des neuen Zeitalters völlig
den großen geistigen Erwerb des Individualismus? Sank die
alte Welt spurlos in Trümmer? Keineswegs. In feste Formen
hatte sich inzwischen das Große der nunmehr vergangenen Zeit
geflüchtet, in die Formen vornehmlich der Aufklärung, und in
diesen währte, ja wirkte es weiter.
Dabei waren zwei besonders alte Träger nicht eigentlich
an sich rational: die Kirche und die Antike. Denn die
Kirche sollte selbst nach der Anschauung des 16. bis 18. Jahr⸗
hunderts das Gemüt ebenso befriedigen wie den Verstand; und
tatsächlich waren ja auf ihrem Boden jene Frömmigkeitsregungen
des Pietismus entstanden, die, wie wir sahen, recht eigentlich