Metadata: Neuere Zeit (Abt. 2)

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Neunzehntes Buch. Zweites Kapitel. 
Entwicklung verblieben, ja eine Beschleunigung über das bis— 
herige Zeitmaß ihrer Entfaltung hinaus zu erleben begannen. 
Das innere Deutschland aber verödete, und indem die leben— 
digsten Impulse seiner wirtschaftlichen Fortschritte hinwegfielen, 
sank zunächst seine materielle Kultur auf eine frühere Stufe 
ihrer Geschichte zurück: der Verkehr nahm ab oder wenigstens 
nicht in gesunder Weise zu, die Industrie, soweit sie Massen⸗ 
industrie war, entfaltete sich kaum, ländliche Interessen traten 
in den Vordergrund. Es waren Veränderungen, die nicht ohne 
soziale und politische Folgen bleiben konnten. Die Territorial— 
staaten erschienen den Fürsten, entgegen einer schon etwas mehr 
staatstheoretischen Auffassung um die Wende des 16. Jahrhunderts, 
wiederum mehr als Domänen; nach Art großer Grundherren 
verwalteten sie sie, trotz alles Merkantilismus, ja teilweise ge⸗ 
rade in Ausnutzung merkantilistischen Denkens. Der Adel, im 
16. Jahrhundert auf geistigem Gebiete weit durch das Bürgertum 
überholt, wagte sich wieder hervor: Bürger und Bauer begannen 
zu sinken. 
Wie wurde nun' diese Bewegung, wie sie seit spätestens 
Mitte des 16. Jahrhunderts in ersten leisen Zügen, doch von 
Jahrzehnt zu Jahrzehnt stärker anschwellend hervortrat, durch 
die furchtbaren, ein Menschenalter andauernden Kriegszustände 
in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts beschleunigt! Wie 
der Moment eines entsetzlichen Sturzes in Abgrundtiefe nach 
längerem Gleiten auf schiefer Bahn erscheint der Dreißig⸗ 
jährige Krieg in der deutschen Geschichte. Erst diese Jahre 
lähmten die produktive Arbeit des Bürgers und des Bauern 
völlig, und erst ihre wilden Wirren ließen den Adel von neuem 
entscheidend hervortreten. Und bedeutete die ganze Wendung 
von einer bürgerlichen zu einer fürstlich-adligen Kultur, wie sie 
sichim Verfolge dieser sozialen Verschiebung vollzog, an sich 
schon einen Rückschritt und eine Abweichung von der geraden 
Bahn hergebrachter Entwicklung, so versteht es sich, in wie 
viel grelleres Licht dieser Rückschritt und diese Abweichung 
durch die moralischen Folgen eines Kriegszustandes von drei 
Jahrzehnten gesetzt werden mußten. In dieser Zeit war vor⸗—
	        
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