Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

Weitere musikalische und literarische Übergänge. 393 
höchste Denkform dieses Seelenlebens, noch ganz anders 
psychisch Altes und Neues seit etwa 1750 ständig verschmolzen 
hat und noch heute verschmilzt: die mechanistische Naturwissen— 
schaft. Wir wissen, wie das Denken dieser Wissenschaft seit 
der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts entstanden ist, wie es 
groß wurde in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts, wie es 
in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts weit mehr noch, als 
etwa die Mathematik in den Zeiten des großen Krieges und 
nach ihnen, der zentrale Motor der Philosophie, der Dreh— 
punkt wurde der deistischen Weltanschauung. Deistische Welt⸗— 
anschauung aber heißt Aufklärung. Und im breiten Ent— 
wicklungsverlaufe dieser wurde nun der christliche Gott der 
Theologie zum mechanischen Demiurg, wurden die alten ethischen 
Ideale zum Nützlichkeitsprinzip, ging die Phantasietätigkeit 
vollends in das vernünftig Formelle auf, das erlernt werden 
kann, wurde alles aus abwägender Vernunft nach verstandes- 
gemäßen Kategorien geordnet und verschwand hinter diesen das 
huntbewegte Bild des Weltlaufs und der Geschichte. Was also 
gab es, das nicht dem mechanistischen Denken anheimgefallen 
wäre? Eben in ihm siegte erst recht und durchaus vollendet 
der Rationalismus. 
Nun ließ sich freilich eine solche Tendenz des Seelenlebens, 
rein kontradiktorisch gegen jede Lebensfaser des Subjektivismus 
ausgeprägt, von dem Augenblicke an nicht völlig halten, da die 
Zeiten eben dieses Subjektivismus voll hereinbrachen: der 
mechanischen Naturanschauung setzten Herder und Goethe eine 
andere, lebensreichere entgegen, und in der Naturphilosophie 
der Romantik erblühte diese zu einer ersten stolzen Höhe 
phantastisch-gedanklichen Abschlusses. Aber diese erste wahre 
Naturwissenschaft des Subjektivismus, noch mit allen Anzeichen 
primitiver Entwicklung behaftet, ermattete bald; und in den 
Zeiten, da die großen Errungenschaften der ersten subjek— 
tivistischen Periode, der Zeit von Klopftock bis auf Hegel, in 
matterer intellektualistischer Beleuchtung zu Systemen ein—⸗ 
gefangen wurden, in der Periode des sogenannten Realismus 
und des Epigonentums, erstarkte die mechanistische Natur— 
betrachtung von neuem: ja eben jetzt, von den dreißiger bis 
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