Full text : Fortschritt und Armut

Die  Wirkungen  des  Heilmittels.

Buch  IX.

3<*0

Vogel  gibt?  Der  Mensch  muß  etwas  tun  oder  sich  einbilden  etwas  zu
tun,  denn  in  ihm  pocht  der  schöpferische  Trieb;  wer  nur  im  Sonnenschein ­
  herumzuliegen  liebt,  ist  kein  natürlicher,  sondern  ein  abnormer
Mensch.
Sobald  ein  Kind  über  seine  Muskeln  Herrschaft  gewinnt,  beginnt
es  Sandkuchen  zu  machen  oder  eine  Puppe  anzuziehen;  sein  Spiel
ist  nur  das  nachgeahmte  Werk  seiner  Eltern;  selbst  seine  Zerstörungssucht ­
  entspringt  aus  dem  Wunsche  etwas  zu  tun,  aus  der  Genugtuung
etwas  vollbringen  zu  können.  Es  gibt  nichts  dergleichen  wie  Jagd  nach
Vergnügen  um  des  bloßen  Vergnügens  willen.  Selbst  unsere  Spiele
amüsieren  nur  soweit,  als  sie  Lernen  oder  Tun  von  etwas  sind  oder  zu
sein  sich  den  Anschein  geben,  von  dem  Augenblick  an,  wo  sie  aushören,
sich  entweder  an  unsere  forschenden  oder  an  unsere  bildenden  Eigenschaften ­
  zu  wenden,  hören  sie  auf  zu  amüsieren.  Das  Interesse  des
Romanlesers  schwindet,  wenn  man  ihm  erzählt,  wie  die  Geschichte  endet;
nur  der  Zufall  und  die  beim  Spiele  entwickelte  Geschicklichkeit  macht  es
dem  Kartenspieler  erträglich,  durch  Mischen  kleiner  Stücke  Pappe  „die
Zeit  zu  töten".  Die  luxuriösen  Frivolitäten  von  Versailles  waren
menschlichen  Wesen  nur  möglich,  weil  der  König  glaubte  ein  Königreich
zu  regieren,  und  die  Höflinge  frischen  Ehren  und  neuen  Pensionen  nachjagten. ­
  Leute,  die  ein  Leben  des  vornehmen  Müßigganges  und  des
Vergnügens  führen,  müssen  irgend  etwas  anderes  dabei  in  Sicht  haben,
oder  sie  würden  vor  Langeweile  sterben;  sie  ertragen  es  nur,  weil  sie
meinen,  dadurch  eine  Stellung  zu  gewinnen,  sich  Freunde  zu  machen
oder  die  Ehancen  ihrer  Kinder  zu  verbessern.  Schließt  man  einen  Menschen
ein  und  verweigert  ihm  alle  Beschäftigung,  so  muß  er  entweder  sterben
oder  wahnsinnig  werden.
Nicht  die  Arbeit  an  sich  ist  dem  Menschen  zuwider;  nicht  die  natürliche ­
  Notwendigkeit  zur  Anstrengung  ist  ein  Fluch.  Aber  die  Arbeit,
die  nichts  erzeugt,  die  Anstrengung,  von  der  er  das  Ergebnis  nicht  sehen
kann,  ist  es.  Tag  für  Tag  sich  abzumühen  und  doch  nur  das  Allernotwendigste ­
  des  Lebens  zu  erlangen,  ist  fürwahr  hart;  es  ist  gleich  der
höllischen  Strafe,  einen  Menschen  zu  zwingen  zu  pumpen,  damit  er
nicht  ertrinke  oder  eine  Tretmühle  zu  treiben,  um  nicht  zerquetscht  zu
werden.  Aber  von  dieser  Notwendigkeit  erlöst,  würden  die  Menschen
härter  und  besser  arbeiten,  denn  dann  könnten  sie  arbeiten,  wie  ihre
Neigungen  es  ihnen  eingeben;  dann  würden  sie  wirklich  etwas  für  sich
oder  für  andere  tun.  war  Humboldts  Leben  eiu  müßiges?  Fand  Franklin
keine  Beschäftigung,  als  er  sich  aus  dem  Druckereigeschäft  mit  einem
zum  Leben  hinreichenden  vermögen  zurückzog?  Gehört  bferbert  Spencer
zu  den  Trägern?  Malte  Michael  Angelo  für  Nahrung  und  Kleidung?
Tatsächlich  wird  die  Arbeit,  welche  die  Lage  der  Menschheit  verbessert, ­
  die  Arbeit,  welche  die  Kenntnisse  ausdehnt,  die  Kräfte  vermehrt,
die  Literatur  bereichert,  die  Gedanken  erhebt,  nicht  getan,  um  den
Lebensunterhalt  zu  gewinnen.  Ls  ist  keine  Arbeit  von  Sklaven,  die
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.