Türkenkriege u. spanischer Erbfolgekrieg; Osterreich europ. Großmacht. 52)
oder Klagenfurt oder Laibach zu schweigen. Des weiteren
durchzog den Norden der gewaltige Handelsstrom der Hansa,
indem er zugleich eine leichte Verbindung mit Rußland, den
nordischen Ländern, den Niederlanden und England herstellte;
dem Südosten dagegen stand in der Richtung seiner natürlichsten
Entwicklung, donauabwärts, eine Mauer orientalischer Unkultur
entgegen, während der Aufstieg zum eigentlichen Deutschland
begrenzt war und Venedig die Herrschaft der Adria an sich
gerissen hatte.
Was alle diese Momente bedeuteten, ergibt sich leicht, wenn
man sich vergegenwärtigt, daß der geschichtliche Fortschritt
wesentlich auf der Herstellung wirklicher seelischer Beziehungen
zwischen denjenigen Menschen beruht, die durch irgendwelche
Ereignisse zu einer staatlichen oder sonstigen menschlichen Ein⸗
heit zunächst äußerlich zusammengeschlossen sind. Woher sollten
da in den habsburgischen Landen die autonomen Antriebe des
Kulturlebens zu staatlicher Zentralisation kommen? Das
Herrscherhaus wurde von ihnen so wenig unterstützt, daß es,
wie wir wissen, selbst für die Erblande, da wo es unbeschadet
der dynastischen Rechte hätte gewagt werden können, das alte
Prinzip dynastischer Teilung noch nicht ganz oder wenigstens
nur sehr allmählich verlassen hat.
So ließ sich also voraussehen, daß es trotz aller Versuche
der einzelnen Herrscher und trotz der günstigen Zeitströmung, die
überall mit dem Begriffe der Staatswohlfahrtspflege zentralistische
und absolutistische Fortschritte zuließ, ja forderte, sowie trotz der
günstigen Wirkungen des römischen Rechts in gleichem Sinne
zu einer stärkeren Zentralisation im 16. Jahrhundert und der
ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts nicht kommen würde.
Was aber eine Voraussicht in dieser Richtung besonders
leicht machte, das war doch die Tatsache, daß es überall in
den habsburgischen Ländern des 16. Jahrhunderts ein überaus
kräftiges ständisches Element gab, das sich als Träger der
lokalen Interessen gegenüber den zentralen, der sozial—
aristokratischen Zustände, wie sie bestanden, gegenüber den
monarchischen Forderungen des Herrscherhauses fühlte.