324 Einundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.
das politische und militärische Prestige ließ sich, vor allem durch
die Taten des Großen Kurfürsten in Frage gestellt, im Grunde
nur unter diplomatischer Unterstützung Frankreichs aufrecht er—
halten. Aber in dem Augenblicke, da man einen Zusammenbruch
der schwedischen Vorherrschaft erwarten konnte, wurde er doch
noch einmal durch König Karl XIL., eine rücksichtslose Gewalt—
natur, wenn nicht verhütet, so doch hinausgeschoben. Unter
dem Namen einer Domänenreduktion setzte Karl eine weit—
gehende Konfiskation adliger Güter, die freilich zum großen
Teile aus Staatsbesitz stammten, zugunsten des Fiskus durch
und stärkte dadurch ebenso die Staatsgewalt, wie er deren
schlimmsten Gegner, die hohe Aristokratie, schwächte, ja teilweise
fast vernichtete. Ließ sich indes von dieser Maßregel eine
wirkliche Festigung der schwedischen Hegemonie auf die Dauer
erwarten? Gewiß: als Karl XI. nach einem Menschenalter
schwerlastender Herrschaft im Jahre 1697 starb, hinterließ er
seinem Erben, Karl XII., noch ein jedem Winke gehorsames
Reich und starke politische und kriegerische Machtmittel. Aber
in nicht ganz zwei Jahrzehnten erschöpften sich diese mehr
mechanisch als organisch angehäuften Kräfte unter dem ge—
walttätigen Gebrauche des jungen Königs, und Schweden verlor
seine überragende Stellung.
Und schon begann, im Grunde bereits seit Beginn des
17. Jahrhunderts, sich ein Erbe der schwedischen Hegemonie
dunkel drohend zu regen: Rußland.
Rußland wird noch im 17. Jahrhundert von den zahl—⸗
reichen Beobachtern, deren Berichte wir seit Siegmund von
Herbersteins Moskowitischen Commentarien (1549) besitzen, als
ein barbarisches Land bezeichnet; und seine Völker erschienen,
die Russen vornweg, nach unseren heutigen Begriffen als
asiatisch. Dennoch hatte bereits wenige Menschenalter, nach⸗
dem die Türken Byzanz erobert hatten, die Vorwärtsbewegung
dieser jungen Macht gegen das westliche, zivilisierte Europa,
das Europa der mittelalterlichen Kultur begonnen. Und ganz
anders, als das der Türkenmacht, wurde es insofern gefährlich,
als mit der politischen Vorwärtsbewegung zugleich innere,