Full text : Neuere Zeit (Abt. 2)

Die nordd. Staaten u. d. nord. Krieg; Entwickl. d. preuß. Königtums. 627

mehr Macht des östlichen Mittelmeers, begann eine Ära der
Kollisionen. Der andere Weg dagegen führte nach Nordwesten
und Norden: gegen Livland und Esthland, gegen Ingermanland
und Karelien: er galt dem Gewinn baltischer Küsten — im
tiefsten Grunde schon der Herrschaft mindestens über den öst⸗
lichen Teil der Ostsee.
Bei dem Beschreiten dieses Weges waren natürlich Zu⸗
sammenstöße mit Schweden, dem führenden Staate im Bereiche
der Ostsee nicht zu vermeiden. Aber handelte es sich um sie
allein? Ergab sich nicht mit dem Vordringen Rußlands gegen
die Ostsee für Westeuropa eine ähnliche, wenn auch nicht gleich
große Gefahr, wie mit der Eroberung der mittleren Donau⸗
länder durch die Türken? Und ist und war der Gegensatz
wischen einem republikanischen und einem kosakischen Europa,
wie ihn Napoleon J. formuliert hat, so ganz aus der Luft
gegriffen? Es hat der deutschen Geschichte des 19., ja schon
des 18. Jahrhunderts unter österreichischer wie namentlich
später unter preußischer Führung einen besonderen Ton ge⸗
geben, daß Rußland schon früh an der Ostsee die Befriedigung
seiner Expansionsgelüste erreicht hat.
Gewiß hat Rußland dazu mehr als eines Jahrhunderts
von Kämpfen bedurft. Die Versuche des ersten Romanow,
des Zaren Michael, scheiterten, von Gustav Adolf zurück—⸗
gewiesen, in dem Frieden von Stolbowa (1617)3. Ein zweiter
Anlauf, den Michaels Sohn Alexei nahm, wurde in den
Kämpfen zurückgewiesen, die dem Frieden von Kardis (1661)
porausgingen?. Aber jetzt, gegen Schluß des 17. Jahrhunderts,
erschien die Gelegenheit, von neuem vorzubrechen, besonders
zünstig; nun endlich durfte man Erfolge erwarten.
Diese Wandlung wurde vor allem der Haltung König
Augusts von Polen verdankt. Der junge sächsische Kurfürst
wollte die polnische Krone nicht umsonst mit so viel Aufwand
an Geld und Truppen erworben haben. Sie erschien ihm

S. schon oben S. 485.
2 S. oben S. 40 ff.
            
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