Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

Die nordd. Staaten u. d. nord. Krieg; Entwickl. d. preuß. Königtums. 669 
viel weniger, als am Rhein, um bloß interne Fragen, sondern 
vielmehr um das mächtige Fortwirken polnischen Einflusses; 
und da dem Kurfürsten die Souveränität in Preußen erst 
während seiner Regierungszeit zugefallen war, die Stände 
aber die Gültigkeit dieses Herrschaftsverhältnisses als von ihrer 
Zustimmung abhängig betrachteten, so waren die einfachsten 
Grundlagen der kurfürstlichen Suprematie in Preußen noch 
in Frage gestellt. Dazu kam, daß es sich bei den ständischen 
Kämpfen in Preußen mehr als sonst in den hohenzollernschen 
Territorien neben dem Adel zugleich um das Bürgertum 
handelte: denn Königsberg mit seinen drei Teilstädten war 
ein mächtiger Vorort der anderen kleineren Städte des Landes, 
und hatte, an der See gelegen und darum dem Verfalle der 
deutschen binnenländischen Städte nicht in gleichem Maße 
ausgesetzt, einen nicht unbedeutenden Verkehr und ein kräftiges 
Bürgertum bewahrt. Endlich aber kam als besonderer Konflikt⸗ 
stoff hinzu, daß sich in Preußen ein ungemein starres Luther⸗ 
tum ausgebildet hatte, das wohl mit dem polnischen Katholi⸗ 
zismus Frieden zu halten geneigt war, den neuen kalvinischen 
Herrscher dagegen und sein Gefolge teilweise reformierter Räte 
verabscheute. 
Unter diesen Umständen war es schon ein Anlaß zum 
Zwiste, daß der Kurfürst neben die alte Zentralregierung, die 
vier Oberräte des Landes, die aus dem eingesessenen Adel 
ernannt werden mußten, noch während des nordischen Krieges 
den reformierten, dem preußischen Adel nicht angehörigen 
Fürsten Bogislav Radziwill als seinen Statthalter gesetzt 
hatte. Als dann der Friede von Oliva geschlossen war, kamen 
aber noch andere Streitpunkte dazu. Der Adel hatte sich einen 
großen Teil der landesfürstlichen Domänen zu mehr oder 
minder eigener Nutzung angeeignet: der Große Kurfürst dachte 
an eine „Domänenreduktion“; er wollte den „Kammerstaat“ 
des Landes wieder unter seine Hände bringen und zur 
finanziellen Grundlage der fürstlichen Gewalt machen. Des 
weiteren verlangte der Kurfürst jetzt, obwohl die Stände ihm 
noch nicht gehuldigt hatten, Geldbeihilfe zur Besoldung der 
Lamprecht, Deutsche Geschichte. VII. 2. 43
	        
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