Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

Deutschland unter den polit. Nachwirkungen des Dreißigjähr. Krieges. 409 
mehr monarchischen Charakter des neuerrungenen Reiches an— 
passen konnten. Ja selbst die Entwicklung des Wirtschafts⸗ 
lebens vermochte der reißend raschen Entfaltung der äußeren 
Politik nicht ganz zu folgen. Und so ergab sich schließlich eine 
keineswegs einfache Lage. Die erreichten Formen der Ver—⸗ 
kehrswirtschaft genügten nicht, um die Teile des Reiches gleich— 
sam immanent, durch das Schwergewicht ständig verlaufender Be⸗ 
ziehungen aller mit allen, zusammenzuhalten. Und im Zentrum 
war keine monarchische Gewalt von einer Stärke vorhanden, 
die das Ganze durch einen Prozeß zunehmender Vereinheit— 
lichung belebt hätte. Etwas von dem Charakter der alten 
orientalischen Despotien trat auf. Und auch etwas von der 
Art der Bindung, die diese zusammengehalten hatte. Indem 
ältere Gedanken religiöser Staatseinrichtungen Roms sich mit 
Vorstellungen des Christentums, das eben in diesem Chaos 
emporkam, wunderlich kreuzten, entstanden Vorstellungen einer 
neuen Theokratie; der Cäsaropapismus trat hervor, und seit 
Diocletian und Konstantin war sein System vollendet. 
Es war eins der vielen Zeichen, die in der kaiserlichen 
Zeit Roms je länger je mehr die Neigung zu kulturellen Rück— 
bildungen verrieten, die äußerlich und in gewissem Sinne auch 
innerlich zu der seelischen Haltung von Urzeiten zurückführten: 
so wie sich im Leben des Greises Erscheinungen einzustellen 
pflegen, die an den psychischen Typ des Kindes erinnern. 
Sollte es da, unter diesen Umständen, nicht möglich werden, 
daß gar mancher Inhalt, vor allem aber manches Requisit der 
römischen Kultur auf die der Kultur nach noch so jungen ger⸗— 
manischen Völker überging, die ihre Totengräber waren? 
Diejenige germanische Despotie, die, fast ganz noch in der 
Weise der Eroberungen Ariovists oder Marbods begründet, am 
meisten und dauerndsten in diese Kombination hineingeriet, war 
die fränkische; Chlodovech mit den Vorfahren zweier Generationen 
vor ihm hat sie begründet, und mehr als zwei Jahrhunderte hat 
sie unter seinen Nachkommen fortgewährt. Und auch für das 
nächste Herrschergeschlecht, das der Karlinge, bestand im Grunde 
noch eine ähnliche Kombination; denn noch war Rom im 8. Jahr—
	        
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