Die nordd. Staaten u. d. nord. Krieg; Entwickl. d. preuß. Königtums. 693
tag.“ Die Stände, die unter dem Großen Kurfürsten noch
Mächte gewesen waren, gegen die Kampf nötig war und ein
Sieg sich verlohnte, waren inzwischen durch den Fortschritt
der fürstlichen Verwaltung und des Heerwesens innerlich aus—
gehöhlt worden; sie hatten das Mark ihrer Rechte verloren
und lebten nur als mürbe Träger äußerer einmal vorhandener
Verfassungsformen noch fort. Gewiß gaben sie einem so eigen—
richtigen und starrsinnigen Herrscher wie Friedrich Wilhelm J.
gelegentlich noch Anlaß zur Prägung brutaler Epigramme,
wie des vom „Rocher von Bronse“, aber irgendwie schaden
konnten sie der staatlichen Entwicklung nicht mehr. Gelegentlich
beharrten sie dabei wohl auch ihrerseits halsstarrig auf irgend—
einem ihrer veralteten Privilegien, z. B. auf der Stellung
ihrer „Ritterpferde“, als der König im Jahre 1717 die Allodi—
fikation der Lehen durchsetzen wollte; aber diese Stürme im
Glase Wasser hatten nichts mehr zu bedeuten. Das innere
Schicksal des Landes, der Fortschritt in Landeswohlfahrt und
Landesrecht war in Preußen wie auch sonst zumeist und
vielleicht noch mehr als anderswo Sache der Monarchie ge—
worden.
Suchen wir nun aber die Leistungen der Monarchie in
dieser Hinsicht festzustellen, so bedarf es zunächst der Be—
merkung, daß die Sorge für den inneren Fortschritt der Länder
in der Zeit der absoluten Monarchie ganz allgemein längst
nicht so groß gewesen ist, als man jetzt, in einem Zeitalter
sozialer Interessen, glaubt oder glauben machen will. An sich
hatte die absolute Monarchie keinerlei direktes inneres Ver—
hältnis zu den sozialen Fragen; und niemals hat sie den An—
spruch erhoben, ein soziales Königtum im Sinne gleich ver—
teilender Gerechtigkeit zu sein. Ihre Interessen waren viel—
mehr auf äußere Macht und äußeren Glanz des Staats ge—
richtet. Darüber hinausgehende Ziele wirklich demokrati—
sierenden Charakters, die uns heute teilweise als sozialpolitische
Anwandlungen erscheinen können, erhielt sie nicht aus der ihr
zugrunde liegenden politischen Ideenwelt, sondern aus dem
sich immer kräftiger regenden Geistesleben des dritten, bürger—