410 Einundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.
hundert nicht tot; lebendig zeugten von seiner alten Größe noch
tausend Bauten nicht bloß in den Mittelmeerländern, sondern
auch in Zentraleuropa, und seine Kunst und Wissenschaft, seine
Sprache und Dichtung gingen erst damals, wenn auch in stetig
schwererem Ringen mit dem Tode, gänzlichem Verfalle entgegen.
Und bedurfte das Frankenreich mit steigender Eigenkultur
nicht eben der Stütze jenes alle umfassenden Bandes des
Blaubens, die die orientalischen Reiche unter verwandten Ver⸗
hältnissen und schließlich auch Rom in der Theokratie gefunden
hatten? Versuche der Merowinger, in Steuerverfassung, Ver⸗
waltung, Verkehrswesen andere Klammern der römischen Uni⸗
versalmonarchie in ihr Reich hinüberzuretten, sind gescheitert;
mit Erfolg dagegen haben sie den Gedanken eines fränkischen
Landeskirchentums erfaßt. Und nach ihnen hat Karl der Große
bewußt den Weg zur Theokratie eingeschlagen. Erwies er sich
als gangbar, so mochte sich unter ihm die deutsche Nation,
wie andere Nationen des Reiches, der Durchbildung zu höheren
Zielen der Kultur widmen.
Aber dem trat schon unter Karl dem Großen, erst recht
aber dann, als der Gedanke des Universalreiches an erster Stelle
nur noch den Deutschen verblieb, unter Ottonen, Saliern und
Staufern eine andere, inzwischen entwickelte Gewalt entgegen:
das Papsttum. In den Verfallszeiten des römischen Reiches,
als die Theokratie der Imperatoren mit dem Throne über⸗
haupt ins Wanken geriet, waren die Germanen noch nicht
oder nicht so zum Christentum bekehrt gewesen, daß auf dem
festen Bestande christlicher Gefühle in germanischen Herzen eine
Vorstellung von der christlich-göttlichen Würde eines germani⸗
schen Großkönigs hätte erwachsen können. Und so bildete sich
für die Idee einer christlichen Theokratie, die, zunächst in den
westlichen Mittelmeerländern, mit dem Verfall des okzidentalen
Imperiums nicht verloren ging, eine Ersatzgewalt aus im
römischen Papsttum. Gewiß verschob sich damit der theo⸗
kratische Gedanke etwas; die geistliche Seite in ihm trat mehr
hervor. Allein auch die weltliche blieb gleichwohl erhalten;
deutlich, anschaulich bis ins einzelnste leuchtet sie aus dem In⸗