Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

Bildende Kunst. 
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europas hatte vollziehen lassen und das Elend des allgemeinen 
deutschen binnenländischen Verfalls nicht eingetreten war. In 
der Baukunst aber und auch in der Bildnerei hatte die Re— 
naissance schon des 16. Jahrhunderts verhängnisvoll gewirkt: 
eine reine heimische Kunst war verloren gegangen: in lang— 
samem Absterben, wenn auch unter Aufnahme mancher nationaler 
Elemente hatte eine halbfremde Renaissancearchitektur und 
Renaissanceplastik eine Architektur und Plastik des Barocks 
und des Rokokos geboren. Und von diesen an sich nicht volks— 
tümlichen Kunstformen unterlag dann das Rokoko in Deutsch⸗— 
land schließlich nicht einmal mehr nationaler Bearbeitung! 
Die Fürsten und, soweit er es vermochte, auch der Adel bezogen 
die besseren Werke dieser Kunst aus Frankreich, oder ließen 
französische Werkleute zu deutschen Bauten kommen oder sandten 
begabte Künstler nach Paris in französische Lehre. 
Dazu kam, daß diese fremde Kunst auch die noch vor— 
handenen Resterscheinungen nationaler Malerei immer mehr 
erdrückte. Das Rokoko erzeugte schließlich ein architektonisches 
Gesamtkunstwerk, dem sich die Malerei unterordnen, in dessen 
Räumen sie sich französieren und klassisch akademisieren mußte. 
Was dann noch außer dieser Berührung verblieb, war der 
Hauptsache nach nur die Bildnismalerei und die Sittenmalerei 
für bürgerliche Kreise: und wir haben gesehen, wie Graff und 
Chodowiecki hieran anknüpfend die Anfänge einer neuen Kunst 
entwickelten. 
Im ganzen aber räumte das Rokoko im Bereich volks— 
tümlicher Kunstübung völlig auf: nicht bloß die Entwicklung 
der Kunstformen brach ab, selbst die künstlerische Technik drohte 
verloren zu gehen. 
Und soweit der Zusammenhang der alten volkstümlichen 
Kunst noch nicht durch die alte Renaissance und deren Folge— 
stile bis zum Rokoko hin durchbrochen war, wurde er schließlich 
von der neuen, hellenischen Renaissance des 18. Jahrhunderts 
beseitigt. Denn diese Renaissance brachte die Lehren Winckel— 
manns und die Vorliebe für die antike Plastik: die Bildnerei 
der Griechen galt als der unübertreffbare Höhepunkt aller
	        
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