Full text : Neuere Zeit (Abt. 2)

708 Einundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.
Hätten nun die Herrscher der zweiten Hälfte des 17. Jahr—
hunderts tatsächlich auf einen so herabgekommenen Stand bauen
sollen — zumal, da er durch die eigene, seit Generationen
konsequente Politik ihres Hauses eben am meisten geschädigt
worden war? Bis ins 18. Jahrhundert hinein dachten sie
kaum daran, ihn sozial und politisch zu heben, so gern sie
auch aus ihrem Lande, als einer großen Domäne, Handels—
und Industriegewinne gezogen hätten: apathisch sahen sie seinem
weiteren Verfalle zu, wenn sie ihn nicht gar beschleunigten.
Damit ging dann vor allem die schwache Autonomie,
deren sich die österreichischen Städte noch immer erfreut hatten,
fast gänzlich zugrunde. Die Elemente der Selbstregierung
und der Selbstverwaltung verkümmerten und starben in sich ab,
vornweg die Institution des Rates: die Räte werden Brutstätten
schlimmster Inzucht; von Zuführung frischen Blutes war keine
Rede mehr; in einer ganzen Reihe von Städten, in Leoben,
Graz, Bruck, Judenburg, Fürstenfeld und sonst kam es geradezu
zur Einführung „ewiger“ Räte. Kein Wunder daher, daß die
Klagen über die städtischen Verwaltungen bald so laut ertönten,
daß die Regierung schließlich doch von Aufsichts wegen ein⸗
schreiten mußte. Eine Instruktion an den Wiener Stadtanwalt
schon vom Jahre 1656 zeigt in dieser Hinsicht, daß es sich
nicht nur um die Rüge von Nachlässigkeiten, sondern um die
Beseitigung einer tief eingerissenen Korruption handelte. Unter
Karl VI. blieb dann schließlich nichts übrig, als städtische
Wirtschaftsdirektoren einzuführen, die das Gemeindevermögen
unabhängig vom Stadtrate unter Leitung einer kaiserlichen
Okonomiekommission verwalteten. Wie es bei dieser Lage in
der Hauptstadt, und nun gar erst in kleinen Orten ausgesehen
haben mag, läßt sich denken.
Hand in Hand mit dem Verfall der allgemeinen städtischen
Autonomie ging aber natürlich auch der Verfall der alten
körperschaftlichen Verfassungen des Handwerks und des Handels.
Was speziell die Zünfte betrifft, so waren sie den Staͤdträten

S. dazu schon oben S. 525 ff.
            
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