Waffengänge OEsterreichs u. Preußens; Preußen europ. Großmacht. 731
sah ein, daß jetzt das Klügste noch eine direkte Verständigung
mit Frankreich sein würde. Aber so sah auch Kaiser Karl VI.
die Lage an, nachdem Preußen den Vergleichsvorschlag abgelehnt
hatte. Und so begannen denn beide deutschen Mächte ins⸗
geheim, und daher ohne Kenntnis voneinander, mit Frankreich
zu verhandeln: und eine beinahe operettenhafte Situation trat
ein, die niemand angenehmer sein konnte als Kardinal Fleury,
dem Leiter der französischen Politik.
Darauf, im Januar 1789, vertrugen sich Osterreich und
Frankreich dahin, daß bei Eintritt des Erbfalles in Jülich⸗Berg
dem Pfalzgrafen zunächst die provisorische Besitznahme aller
Erblande auf zwei Jahre gestattet werden solle; jeder anderen
Besitznahme, und das hieß eben der preußischen, versprachen
beide Mächte sich zu widersetzen.
Im April desselben Jahres aber wurden Preußen und
Frankreich darüber einig, daß bei Eintritt des Erbfalles Berg
uind Ravenstein mit Ausnahme gewisser Teile von Berg, darunter
Düsseldorf, preußisch werden sollten; und Frankreich verpflichtete
sich, die Zustimmung des Pfalzgrafen zu dieser Abmachung zu
erwirken, falls Preußen nach der Besitznahme diesem eine
Million Taler zahlen werde; lasse sich die Zustimmung des
Pfalzgrafen nicht erhalten, so sollte Preußen das Recht zu—
stehen, die abgegrenzten Gebietsteile sofort nach Eintritt des
Erbfalles zu besetzen.
Man sieht: diese Verträge widersprachen sich eben in den
wesentlichsten Punkten: Aussicht auf einen heillosen Zwist und
eine schwer zu lösende Verwirrung war gegen Ende der
dreißiger Jahre zwischen den beiden führenden deutschen
Mächten nicht ohne ihre Schuld geschaffen.
In diesem Momente ist Friedrich Wilhelm J. am 31. Mai,
Karl VI. am 20. Oktober 1740 gestorben.
Die neue Herrschaft, die darauf in Preußen begann,
erschien den Zeitgenossen wie die Aufrichtung eines Märchen—
reiches der Milde eines königlichen Friedensfürsten. Was
hatte der neue König Friedrich nicht unter der Härte seines
Vaters gelitten! Sein Zerwürfnis mit ihm, sein Fluchtversuch,