Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

732 Einundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel. 
seine Festungshaft waren Dinge, deren man mit Schaudern 
gedachte; aber hell hatten sich dann von ihnen die Jahre 
von Rheinsberg, die Mußezeiten eines fürstlichen Künstlers, 
Philosophen und Mäcenes, abgehoben. Schien es jetzt nicht, 
als wenn sie sich nun in Berlin, in größeren Verhältnissen, 
fortsetzen würden? Der junge König, prunkliebend, geistreich, 
wie man sich von Mund zu Munde zutrug, selbst mit literarischen 
Arbeiten, die gedruckt werden sollten, beschäftigt, suchte den 
früheren Glanz der Akademie der Wissenschaften wiederherzu⸗ 
stellen, ja das Vermächtnis Leibnizens zu mehren; und er 
förderte nicht minder die Kunst: wurde Wolff nach Halle be— 
rufen, so erhielt von Knobelsdorff Bauaufträge, und wurde 
Voltaire angeregt, eine französische Schauspieltruppe für Berlin 
verpflichten zu lassen, so reiste Graun nach Italien, um Sänger 
und Sängerinnen für ein neues Opernhaus zu gewinnen, das 
der König — sein Vater hatte es in bitteren Worten voraus⸗ 
gesagt — alsbald in Berlin zu erbauen beschlossen hatte. 
Dies waren die ersten Aspekten: ganz schienen sie die 
Regierung des jungen Roi charmant zu erfüllen, und es schien 
das Bild nur abzuschließen, wenn Friedrich das Potsdamer 
Regiment der langen Kerle, der Kriegskolosse, wie sie Voltaire 
nannte, nach der Leichenparade für seinen Vater alsbald ab⸗ 
dankte: fern schien Mars, und das Regiment der Musen herein⸗ 
gebrochen. 
Freilich fehlten diesem Bilde für ernster Blickende wenigstens 
nicht auch tiefere Züge; der König kümmerte sich alsbald um 
die Volkswirtschaft; Gotzkowsky, der große Kaufmann Berlins— 
wurde zu Beratungen berufen; und an mehr als einer Stelle 
wurden Maßregeln ins Werk gesetzt, die auf die Absicht einer 
durchgreifenden Justizreform hinwiesen. 
Gleichwohl: wer hätte an dem Friedenscharakter der neuen 
Herrschaft zweifeln wollen, da eine Vermehrung des an sich 
schon übermäßig starken Heeres von 80000 auf 90 000 Mann, 
der weitere Indienststellungen folgen sollten, ganz offen ver⸗ 
kündet wurde: — also schlimme Absichten nicht bedeuten konnte. 
Auch daß der König in einem Territorialstreit mit dem Bischofe
	        
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