Waffengänge Osterreichs u. Preußens; Preußen europ. Großmacht. 735
funden habe, und meldete die Ankunft des preußischen Ober—
hofmarschalls von Gotter, der die Forderungen seines Herren
bräzisieren werde.
Es ist leicht vorzustellen, mit welchen Gefühlen man in
Wien diese Art von Politik aufnahm. Den ersten Eindruck
fassen die Worte Franz Stephans an Gotter zusammen: „Kehren
Sie zu Ihrem Herrn zurück und sagen Sie ihm, solange nur
ein einziger seiner Soldaten in Schlesien stehe, habe man ihm
nichts zu sagen“: Worte, die in ihrem Schlusse fast mit der
bekannten Emser Antwort König Wilhelms J. im Jahre 1870
an Benedetti in der ursprünglichen wie in der Bismarckschen
Fassung übereinstimmen. Doch blieb am Ende nichts übrig,
als das Angebot Friedrichs immerhin genau zu überlegen.
Erfolgte dabei schließlich eine ablehnende Antwort, so war der
dafür ausschlaggebende Wille im Grunde der Wille der Königin
selbst. Maria Theresia glaubte an das Recht ihrer Ansprüche.
Sie fand das Vorgehen Friedrichs auch der Form nach
empörend. Und da Inhalt und Form der Angelegenheit ihre
Überzeugung in gleicher Richtung leiteten, so gab sie dieser
auch mit jener Bestimmtheit Ausdruck, die ihr eine ihrem
Wesen aufs tiefste eingeborene und darum auch niemals von
ihr aufgegebene moralische Betrachtung der Politik verlieh.
Zudem: war man so ganz ohne Hilfe? Das Wesen der
neuen preußischen Armee, wie es Friedrich Wilhelm J. ge⸗
schaffen hatte, kannte man noch nicht; man glaubte die
Preußen leicht aus Schlesien herauswerfen zu können, ohne
die eigene Armee wesentlich verstärken und damit den Staat
mit neuen Schulden belasten zu müssen. Vor allem aber
rechnete man auf den Beistand Rußlands, wo eine Intrige
den Sieg der Österreich freundlichen Kaiserin Anna Katharina,
einer Prinzessin von Braunschweig-Wolfenbüttel, der Mutter
des minderjährigen Zaren Iwan VI., zu versprechen schien.
Und bei der bloßen Defensive blieb man nicht stehen: zu zer—
stören, mindestens seines jüngsten Machtzuwachses zu entkleiden
S. oben S. 684 ff.