Full text : Neuere Zeit (Abt. 2)

740 Einundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

zösischen Armee von 40 000 Mann, die von Bayern aus gegen
sterreich vorrücken sollte, während eine zweite französische
Armee von 30000 Mann am Niederrhein gegen England zu
kämpfen bestimmt war.
Welch eine Lage für die junge habsburgische Königin!
Und bald genug keine Aussicht, daß Bundesgenossen ihr helfen
würden! Insbesondere England zog sich zurück, sobald die
Tatsache des Bundesvertrages zwischen Frankreich und Preußen
zekannt wurde.
Aus dieser Not ist Maria Theresia durch niemand errettet
worden, als durch sich selbst. Tapfer, schön, lebendig, frisch
und vor allem menschlich hatte sie schon bald nach ihrer Thron—
besteigung die Herzen der Wiener und ihrer deutschen Völker
gewonnen. Mit welchem Mitleid zuerst, bald mit welcher
Begeisterung sah man die junge Frau trotzdem, daß sie
schwanger war, den Pflichten ihres Berufes nachgehen: sie
selbst kontrollierte die Gerichtshöfe und ihre Rechtsprechung;
iie selbst empfing jeden, der ihr Beschwerden vorzutragen hatte,
und Eingeweihtere wußten sehr bald, daß auch in den Be—
ratungen der höchsten Regierungskollegien eben sie den Aus—
schlag gab. Als sie nun gar noch, nach drei vorher geborenen
Prinzessinnen, eines Sohnes genas, des späteren Kaisers
Joseph II., da war sie in der herzlichen Begeisterung nament⸗
lich der Wiener für immer geborgen: wie eine Erfüllung der
Volkshoffnungen erschien diese Geburt und leise Ahnungen
innigster Zusammengehörigkeit dämmerten auf: wohl darf man
sagen, daß, wenn mit irgendeinem einzelnen Ereignisse, so
mit diesem das Aufkommen jenes allgemeinen Bewußtseins
der österreichischen Staatseinheit verknüpft werden kann, das
in dem dynastischen Sinne der Völker Ästerreichs in Resten
noch heute fortlebt.
Sollte aber der drohenden Koalition des Auslandes ent—
scheidender Widerstand geleistet werden, so bedurfte es nicht
bloß der Hilfe der Völker der westlichen Reichshälfte: auch
die Ungarn waren heranzuziehen. Und wiederum war es au
erster Stelle Maria Theresia selbst, die die Notwendigkeit ein⸗
            
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