794 Einundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.
Adel nur, damit er ihm diene. Schon Richelieu hatte in
dieser Hinsicht die Konsequenzen des monarchischen Absolutismus
klar gezogen; der Adel, hatte er gemeint“, müsse militärisch
diszipliniert werden, sonst sei er unnütz, ja eine Last. Es war
der Gedanke auch des großen Königs. Und darum scheute er
sich nicht, ihn neben der wirtschaftlichen Privilegierung auch
wirtschaftlich zu organisieren: die ritterschaftlichen Kreditvereine
waren streng korporativ gebunden, jedes Rittergut mußte in
sie eintreten und solidarisch mithaften; und gegenüber der
Wirtschaftsführung notleidender Rittergutsbesitzer, namentlich
soweit er sie etwa unterstützt hatte, sind wirtschaftliche Ein—
griffe des Königs vorgekommen, die sich in nichts von der
Prarxis der Verwaltung seiner eigenen Domänen unterscheiden.
Bekannt aber ist, wie Friedrich den so disziplinierten Adel nun
politisch hart und scharf in den Dienst des Staates und in
den Dienst vornehmlich des Heerwesens gezwungen hat.
Unter diesen Umständen darf man sagen, daß der Begriff
der Sozialpolitik, wie wir ihn heute anwenden, dem Könige
überhaupt fremd war. Seine charitativen Seiten, sein Aus—
gehen nicht so sehr vom Staats- als vom Volksgedanken,
eine Gerechtigkeitsidee waren vielmehr in der zweiten Hälfte
des 18. Jahrhunderts, soweit davon schon gesprochen werden
kann, Eigentum des neu emporkommenden Bürgertums der
Unternehmung und seines Geisteslebens, des Geisteslebens also
des aufkommenden Subjektivismus: Entwicklungserscheinungen,
denen der König innerlich und aus freudigem Herzen niemals
aahegetreten ist.
Von diesem Zusammenhange aus läßt sich nun auch am
sichersten beurteilen, was der König im Grunde der sozialen
Evolution des modernen Bürgertums gewesen ist. Gewiß hat
er diese Entwicklung durch seine Handels- und Gewerbepolitik
gefördert. Aber falsch würde es sein zu sagen, daß er seine
Handels- und Industriepolitik auf sie angelegt habe; ganz
andere Ziele vielmehr, finanzielle, politische, standen ihm vor
1Test. polit. I, Ch. 3, 1.