420 Einundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.
Teile in religiösem, ja konfessionellem Gewande weiter verliefen;
und eben durch die Reformation, durch Luthers Auffassung der
Fürstenpflicht vor allem sind sie mächtig gefördert worden.
Aber lag darin nicht auch die Gefahr, daß sie nach Ab⸗
lauf der Gewässer der großen religiösen Stimmung einen ge—⸗
wissen Stillstand, wenn nicht eine Rückbildung erfahren mußten?
Der Dreißigjährige Krieg verwirklichte diese Befürchtung, wie
er überhaupt das sittliche Bewußtsein der Regierenden und die
Vorstellungen von einem höheren Niveau öffentlicher Pflichten
oberhalb des Pflichtenkreises der Familie und der Freundschaft
schwächte; und ein Fürstengeschlecht folgte, das, gänzlich schon
der individualistischen Kultur angehörend, in der Mehrzahl
seiner Glieder aus der allgemeinen Lage den Schluß zog, daß
es willkürlich walten und schalten könne, willkürlich nach innen
und willkürlich nach außen. Und es versteht sich, daß diese
sittliche Haltung in staatlichen Dingen mit einer veränderten
Sittlichkeit in privaten Hand in Hand ging.
Gewiß gab es unmittelbar nach dem Dreißigjährigen
Kriege noch eine Anzahl von Fürsten von früherem Schrot
und Korn: dahin gehören der fromme Ernst von Sachsen—
Gotha und der Nestor der deutschen Fürstenwelt der Zeit,
August von Braunschweig⸗Wolfenbüttel, dahin auch der Kur—
fürst von Mainz, Johann Philipp von Schönborn und in
vieler Hinsicht der Große Kurfürst von Brandenburg: ihr An⸗
denken sei gesegnet. Aber daneben tauchte ein neues Geschlecht
auf, das unter dem Eindrucke eines namentlich in äußerlichen
Dingen zu erhöhenden Fürstenideals lebte: so in Württem—
berg, in Kurhessen, in Bayern. Und so begann zunächst
namentlich in Bayern eine Zeit jenes Wohllebens, jener Prunk—⸗
liebe und jener Verschwendungssucht, deren Gedenken noch
heute mit der populären Erinnerung an die absolute Monarchie
fast unzertrennlich verbunden erscheint. Bald aber betraten
auch kleinere Fürstengeschlechter diesen Weg. In Hessen-Darm—⸗
stadt stellten sich seit der Thronbesteigung des ehrsüchtigen Ernst
Ludwig (1678) Bauten und Schulden ein, um auf lange nicht zu
verschwinden; in der Pfalz änderte sich der Zug aufs Nüchterne