Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

308 I Einundzwanzigstes Buch. Viertes LKapitel. 
doch ohne Danzig und Thorn; dazu Teile der großpolnischen 
Woiwodschaften Posen, Gnesen, Inowrazlaw und Brzesk — 
etwa 660 Geviertmeilen. 
Widerstand fanden die Besitzergreifenden in Polen nicht; 
die Schande der Nation ging so weit, daß der polnische Reichs— 
tag des Jahres 1773, überredet, bedroht, vor allem bestochen — 
eine polnische Fürstenstimme hat nur 30 Dukaten gekostet — 
den Raub der Lande sogar feierlich guthieß. 
Schon auf einem polnischen Reichstage des Jahres 1662 
hatte König Johann Kasimir das Ende Polens als kommend 
vorausgesagt. Gott möge ihn einen falschen Propheten sein 
lassen: aber er fürchte, daß, Dank dem weltberühmten Rechte 
der freien Königswahl, dereinst noch der Moskowiter, der 
Brandenburger und der Ästerreicher die Republik Polen unter 
sich tellen würden. Dann hat im nordischen Kriege, zu Anfang 
des 18. Jahrhunderts, ein König von Polen selbst, August 
von Sachsen, die Teilung des polnischen Staatsgebietes an— 
geregt: ein Los sollte an Schweden fallen, eins an Branden— 
burg, der Rest als Erbkönigreich an Sachsen. In der Tat 
sind der Republik bereits im 17. Jahrhundert die Eroberungen, 
die ihr unter der kräftigen Fremdherrschaft der litauischen 
Jagellonen zugefallen waren, zum nicht geringen Teile wieder 
berloren gegangen: Livland an Schweden, Preußen an Branden⸗ 
burg, weite Landschaften am Dnjepr an Rußland. Das acht⸗ 
zehnte Jahrhundert hat dann die Aufteilung der Kernlande ge— 
bracht: als unvermeidlichen Ausgang sittlichen Verfalls und 
bolitischer Selbstzerfleischung. 
Von den drei Teilmächten aber hatte Preußen unstreitig 
den verhältnismäßig größten Gewinn davongetragen. Wo 
waren die Zeiten hin, da die Oder unter der Herrschaft 
fremder Völker, der Schweden, vorübergehend selbst der Russen 
gestanden hatte! Das Ende des nordischen Krieges, noch 
mehr der Verlauf der Kämpfe um Schlesien hatte sie un— 
widerruflich zu einem preußischen Strom gemacht, und wir 
wissen, wie stark die innere Politik Friedrichs des Großen aus 
dieser Tatsache Nutzen zog. Jetzt aber wurde auch die Weichsel
	        
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