826 Einundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.
Einfälle und Spitzen, auch sich selbst nicht schonend: und
dennoch von dem unwiderstehlichen Zauber des empfindungs⸗
vollen Charmeurs, von sanftem Tonfall der Stimme, von der
ansprechendsten Bewegung der Lippen, auf denen die Anmut
frei sich außernder Gefühle lag.
Und von diesem Empfindungsreichtum war auch sein
Innerstes getragen. Wir finden ihn vor allem wieder auf
religiössem Gebiete. Denn Friedrich war von tief religiöser
Anlage, und eben darum gleichgültig gegen die Kirchen, die
ihm die Religion nicht oder nicht rein zu enthalten schienen.
Tief vor allem lag in ihm, ein untrügliches Zeichen vollen
und zugleich klaren Gefühles, das Bedüfnis nach einem per—
sönlichen Gotte; fern stets hat er dem Pantheismus gestanden,
und der Materialismus eines Holbach war ihm ein Greuel.
Aber freilich dachte er sich seinen Gott nicht mit jeder Kleinig—
keit der Weltregierung beschäftigt; es lag in ihm etwas von
der ehrfurchtsvollen Bescheidenheit Leibnizens, dem ein letzter
Verursacher zugleich auch eine causa remota war. Etwas
von der Resignation eines durch bittere Erfahrungen bedrückten
Gemütes aber legte sich immerhin auf diesen Glauben seit den
Todesstunden des letzten großen Krieges; „Gott kann sich nicht
zu uns herablassen,“ meinte nun der König: genug jetzt,
wenn die Vorsehung ihn das heißeste seiner Gebete, in welchem
er ihr die Zukunft seines Staates anheimstellte, zu erhören
würdigte: — „im Falle, daß sie ihre Blicke zu menschlichen
Erbärmlichkeiten herabsenkt“.
Es sind diese herben Erfahrungen eines frommen Gemütes
unter dem Drucke schwersten Schicksals, die ihn auch zu den
wichtigsten Weltanschauungsfragen seiner Zeit, denen der
Willensfreiheit und der Unsterblichkeit, in bestimmter Weise
Stellung nehmen ließen. Da war ihm der Mensch eine Marionette,
nicht weil er sich an sich nicht frei entschließen könnte, sondern
weil die Verwirklichung seines Willens von „Seiner Majestät
dem Zufall“ abhängt. Und die Unsterblichkeit? Friedrich
zweifelte im Grunde kaum, daß ein „Wiedersehen im Tale
Josaphat“ kaum zu erhoffen sei: tiefes Vergessen, ewig währende