424 Einundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.
sucht werden konnten; es war einer der Gründe, warum sich
Friedrich der Große schließlich, da sein Staat einer der euro⸗
päischen Großmächte zu werden begann, der Regel nach mit inner⸗
deutscher Politik uͤberhaupt nicht mehr persönlich beschäftigt hat.
Um so wichtiger wurde das Hin und Her der diplo⸗
matischen Arbeit wie der inneren Politik: das mehr oder
ninder ausgedehnte staatsmännische Getriebe. Und in ihm
lassen sich nun leise Anderungen wahrnehmen, die grundlegend
ind für den Verlauf der Politik selbst.
Zunächst erscheint das einzelne Territorium der zweiten
Hälfte des 17. Jahrhunderts theoretisch doch bereits als Staat.
Freilich ohne daß daraus schon immer die richtigen Schlüsse
gezogen würden. Der Zustand wird durch einige Sätze einer
Regentenpredigt des Wolfenbüttler Generalsuperintendenten
Lütkemann vom Jahre 1655 trefflich beleuchtet. Da heißt es:
Ratio status ist ihrem Ursprunge nach ein herrlich, trefflich
und göttlich Ding. Aber was kann der Teufel nicht tun?
Der hat sich auch zu Ratio status gesellt und dieselbe also
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von der Welt ist, daß ein Regent, der Rationem status in
Acht nimmt, unter derselben Namen frei tun mag, was ihm
gelüstet.“ Es ist der Wahlspruch der emporkommenden Zeit,
der durch diese Zeilen klingt, der Zeit des sozusagen absolu—
testen Absolutismus: l'état c'est moi.
Aber man weiß, daß diese Losung vereinzelt schon im
17. Jahrhundert und grundsätzlich und allgemein seit etwa Mitte
des 18. Jahrhunderts durch eine ganz andere Auffassung abgelöst
wurde, der der Fürst als der erste Diener des Staates erschien.
Was war im Grunde geschehen, um diese Wandlung
—
16. Jahrhundert vermöge der Intensitätssteigerung ihrer inneren,
namentlich der wirtschaftlichen und geistigen Kultur zu kleinen
Staatswesen umwandelten, waren in diesem Prozesse selb⸗
ständig geworden und forderten ihr eigenes Recht, den Ausdruck
eines neuen, höheren sittlichengusammenhanges, auch vom Fürsten.
Es ist ein Vorgang, dem gewisse Wendungen in der