Deutschland unter den polit. Nachwirkungen des Dreißigjähr. Krieges. 428
fürstlichen Frauen, an den Ausschweifungen des Absolutismus
keinen Anteil gehabt; zu herrschender Stellung berufen hat sie
hrer reinen Gesinnung, ja in späteren Jahren nicht selten
einer gewissen Prüderie weithin Geltung verschafft. Und wenn
in ihr die Gewissenhaftigkeit des älteren Fürstentums in dem
Grade verkörpert war, daß sie aus dem bloßen Besitze der
Eigenschaften der Treue und des Pflichtbewußtseins heraus
ohne viel Federlesens die Länder ihres Hauses zu einem Staats—
wesen moderner Art umgestaltet hat, so war ihr Gegner,
„der böse Mann“ in Berlin, Friedrich der Große wenigstens
auf diesem Boden ihr sicherster und bewußtester Genoß: er
hat verkündet, gelehrt und in Formeln gefaßt, was beide gleich—
mäßig beseelte: die Majestät des Staates gegenüber dem Fürsten
und das öffentliche Wohl als Ziel jeder höheren Sittlichkeit.
Und wie haben beide, hat insbesondere Friedrich der Große
Schule gemacht! Auf die alte verweichlichte Fürstengeneration
des Mätressenabsolutismus folgten in der zweiten Hälfte des
18. Jahrhunderts andere Geschlechter mit der offen verkündeten
Losung der salus publica: und der Zugang zu einem neuen
Zeitalter der Politik wie der Kultur war eröffnet.
Diese interne Entwicklung des deutschen Fürstentums des
17. und 18. Zahrhunderts, die hier so kurz als möglich ge—
schildert ist, mußte berührt werden, wenn anders die politische
Geschichte dieser Zeiten tiefer verstanden werden soll: denn
F—rstentum hieß in dieser Zeit Staat, hieß vornehmlich auch
kriegerische und staatsmännische Tätigkeit.
Und da begreift es sich denn ohne weiteres, daß, nament⸗
lich in den innerdeutschen Beziehungen von Territorium zu
Territorium, die kriegerische Tätigkeit sehr zurücktreten mußte.
Oder ist es ein Zufall, daß fast alle innerdeutschen Kriege
dieser Zeit, mit Ausnahme der preußisch-österreichischen, die
aber schon einer höheren europäischen Konstellation angehörten,
läßlich und schlaff verlaufen sind? Das Verhältnis der ein—
zelnen Texritorien zueinander war durch die Kämpfe der Ver—
gangenheit so weit ausgeglichen, daß starke territoriale Ver—
schiebungen nur noch in Ausnahmefällen erwartet und ver—