Entstehung und erste Entwicklungsperiode des modernen Bürgertums. 118
Die ursprüngliche industrielle Arbeitsteilung war eigentlich mehr
eine Arbeitszerteilung gewesen: entsprechend den qualitativ ver⸗
schiedenen Bedürfnissen der Kunden hatte man die einzelnen
Berufe als ganzes längsgespalten, z. B. aus Schuhmachern
Korduanschuster, Maroquinschuster, Schuster in gewöhnlichem
Leder usw. entwickelt. Demgegenüber drängte sich jetzt aus
quantitativen Bedürfnissen her vielmehr eine Querspaltung
auf: im Prozeß der Schuhbereitung hatte sich z. B. eine be⸗
sondere Leistenfabrikation, Sohlen⸗- und Absatzfabrikation, end⸗
lich eine Tätigkeit des Zuschneidens der anderen und des
Zusammennähens aller Stücke zu entwickeln. Dem entsprach
es, daß in der Manufaktur immer eine nicht zu kleine Anzahl
von Manufakturarbeitern unter die Direktion eines kapital⸗
reicheren Führers treten mußte, der dann seinerseits, wie er
die Arbeiter mit Rohmaterial versah, so den Vertrieb der Er—
zeugnisse auf dem Wege des Handels in Händen hatte.
Innerhalb der so arbeitsteilig gestalteten Manufaktur aber
konnte man dann bald wieder zwei verschiedene Systeme unter⸗
scheiden: das der Hausindustrie und das der Fabrik. Ihre
allgemeinen nationalökonomischen Voraussetzungen waren die—
selben: nämlich daß eine weite Absatzmöglichkeit für Produkte
gleicher Art gegeben und daß Kapital genug vorhanden sei,
um die zur Ausnutzung dieser Absatzmöglichkeit notwendigen
Vorkehrungen zu treffen. Aber innerhalb dieser allgemeinen
Voraussetzungen bezeichnet die Hausindustrie jenen Zustand,
in dem es den kapitalistischen Führern noch nicht gelang, die
Arbeitskräfte, deren sie zur Herstellung von Massenprodukten
bedurften, an eine Stelle zu konzentrieren; die Fabrik dagegen
ist der Ausdruck einer industriellen Arbeitsweise, in der dies
möglich zu werden begann. Insofern war die Fabrik die ent—
wicklungsgeschichtlich jüngere Wirtschaftsform. Und sie war es
auch insofern, als sie die Verwendung größeren Kapitals er—
fordert: namentlich mußte jetzt ein Fabrikhaus gebaut werden.
Indes hat es an besonders kapitalreichen Orten, wie in Genua
und Venedig, doch schon im Mittelalter Fabriken gegeben. Ein
wirtschaftsgeschichtlich sekundäres Moment war es an sich, wenn
Lamprecht, Deutsche Geschichte. VIII. 1. 2