Entstehung und erste Entwicklungsperiode des modernen Bürgertums. 111
Dreißigjährigen Kriege zugrunde gegangen oder hat eine andere
Anlage, sei es in Immobilien, sei es im militärischen Sold—
geschäfte gesucht.
Der Dreißigjährige Krieg zerstörte dann aber auch noch
einen großen Teil des übriggebliebenen größeren soliden Waren—
handels. Auf diesem Gebiete war, absolut betrachtet, immer⸗
hin noch ein gewisser Aufschwung im 16. Jahrhundert ein—
zetreten; namentlich die Technik des Handels, insofern sie auf
Besuche möglichst vieler Messen und Märkte hinauslief, war
unter der zunehmenden Sicherheit des Landes stärker entwickelt
worden. Und daneben lassen sich andere Fortschritte wahr⸗
nehmen: die Einführung ordentlicher Lernzeit für die Handels—
beflissenen, das Auftreten der doppelten Buchführung „nach
wälscher Manier“ u. dgl. m.
Nunmehr, im Verlaufe des Dreißigjährigen Krieges brach
aber auch diese Entwicklung bis auf spärliche Reste ab; und was
übrig blieb, war so schwach, daß z. B. in dem handel- und auch
schon gewerbreichen Sachsen die Notwendigkeit eintrat, 1670
die Besteuerung der inländischen Kaufmannsware aufzuheben,
damit der Kleinhandel erhalten bleibe; erst 1682 wurde die
Verakzisierung der inländischen Kaufmannsware wiederum ein⸗—
geführt.
Zieht man aus alledem die Summe, so ergibt sich: der
Aufschwung des großen kapitalistischen Handels des 15. und
16. Jahrhunderts war seit spätestens Mitte des 17. Jahr-—
hunderts in der deutschen Geschichte so gut wie ausgelöscht;
die Blüte des mittelalterlichen Burgertums, des Trägers der
großen ästhetischen und intellektuellen Kultur des 15. und
16. Zahrhunderts, war zerfallen.
2. Nicht minder aber war inzwischen auch die Industrie
zurückgegangen: und mit ihr waren neben den oberen auch
die mittleren Schichten des alten Bürgertums von schwerer
Heimsuchung betroffen worden.
Genaueres s. schon Bd. VI, 355 ff.