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Zweiundzwanzigstes Buch.
sam, zu: mehr wurde gebraucht und mehr konnte bezahlt
werden.
Nun wurde die zunehmende, allmählich fast üppig an—
mutende Unerträglichkeit dieser Entwicklung von der öffentlichen
Meinung allerdings schon der zweiten Hälfte des 17. Jahr⸗
hunderts in steigender Lebhaftigkeit beklagt. Indes ihre Besse⸗
rung ist erst langen Bemühungen der territorialen Staats⸗
gewalten und dem hier noch einmal lebendigen, weil durchaus
notwendigen Dazwischentreten der Reichsgewalt im Laufe des
18. Jahrhunderts gelungen. Einstweilen aber galt für die
deutsche Industrie das Wort, das Herder im weiteren Sinne
auf den Geist dieser Epoche überhaupt geprägt hat: sie wandelte
sich nach einem Handwerksleisten und kroch gleichsam in eine
privilegierte Gemeindelade.
Natürlich war ihr Ruf damit dahin; und das Ausland
liberschwemmte den deutschen Boden nicht allein wegen des
Alamodetums der höheren Stände, sondern auch wegen der
Unzulänglichkeit der deutschen Produktion immer stärker mit
seinen Erzeugnissen. So meint Leibniz gegen 1670, daß all⸗
jährlich zum wenigsten ein Zehntel der deutschen Substanz
(d. h. des Einkommens) für Industrieprodukte nach Frankreich
gehe. Für die Jahre 1700 bis 1790 aber hat man den
Gesamtausfall der Handelsbilanz mit Frankreich auf etwa
1630 Milliovnen Mark berechnet, was einen Jahresverlust von
etwa 18 Millionen Mark bedeuten würde. In den Jahren
bon 1788 bis 809 scheint indes der Ausfall etwa 32 Millionen
jährlich gewesen zu sein. Es sind selbst fur das 18. Jahr⸗
hundert noch Zustände, von denen Möser in seinen Patriotischen
Phantasien klagen konnte: „Wir wollen nach Bremen reisen,
um den dortigen Kaufleuten den Sand in ihre Schiffe schieben
zu helfen, welchen sie als Ballast einladen; wir wollen uns von
den Franzosen zu Nantes auf die Sandberge führen lassen,
webche dort am Hafen von den Bremensern wieder aus⸗
geschoben werden und unter dem Titel: Les produits de
l'Allemagne bekannt sind.“
Wenn aber Handel und Industrie des 15. und 16. Jahr⸗