Entstehung und erste Entwicklungsperiode des modernen Bürgertums. 127
zunderts so zugrunde gingen, wie hätten sich deren altberühmte
ftädtische Standorte auf der früheren Höhe halten sollen?
Wohin wir uns wenden, dringt uns aus den großen Emporien
selbst noch des 16. Jahrhunderts nunmehr Modergeruch ent—
gegen. Da hören wir z. B. von Köln, es sei in Schmutz
bersunken; die Straßen wimmelten von Mönchen und Bettlern;
der durch das Stapelrecht wie die unverwüstliche Lage an die
Stadt gefesselte Handel werde zum größeren Teil von pro⸗—
testantischen Zuzüglern betrieben. Und gehen wir in die süd⸗
deutschen Städte, die noch weit mehr um 1500 und darüber
hinaus ein Bild blühendsten Lebens geboten hatten, so ist die
Erfahrung dieselbe. Ulm und Regensburg waren ganz zurück⸗
gegangen. Ulm hatte kaum einige Reste des früheren Leinwand⸗
handels nach Italien behalten; Regensburg nährte sich kümmer⸗
lich von den Mitgliedern des Reichstages, der in seinen
Mauern tagte. Nicht besser stand es um Augsburg. Im
18. Jahrhundert bewegte sich sein Verkehr fast nur noch
zwischen Osterreich, Schwaben, der Schweiz und dem nörd⸗
lichen Italien. Sein Handel verzettelte sich dabei bis auf den
Kleinbetrieb von geschnitzten oder gemalten Heiligenbildern
und Amuletten; in der Industrie waren von etwa 6000 Webern
des 16. Jahrhunderts nur 500 übriggeblieben. Ja selbst das
stolze Nürnberg war gefallen. Zwar hatte hier noch in den
ersten Jahrzehnten des 17. Jahrhunderts Rührigkeit geherrscht;
1616 ist das neue Rathaus erbaut, 1621 die Bank errichtet
worden. Später aber sah man sich von den benachbarten Land⸗
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siedelten, überflügelt. Wirksam erhielten sich nur, ein schwacher
Rest fruherer Größe, die Spielzeug- und Kurzwarenindustrie,
der Landkartendruck und gewisse andere Zweige des Buch—
gewerbes, sowie die Anfertigung von Kunstarbeiten aus Holz,
Metall und Elfenbein. Die Bevölkerung aber, die man im
16. Jahrhundert auf etwa 60000 berechnet hatte, war um
1740 auf ca. 40 000, um 1780 auf ca. 30000 Seelen gesunken.
Und was für eine Bevölkerung war es! Pöllnitz berichtet in
seinen Memoiren von den Patriziern Nurnbergs etwa um