Entstehung und erste Entwicklungsperiode des modernen Bürgertums. 159
die etwa 1000 Webstühle gehen ließen; und der Umsatz auf
der Leipziger Messe betrug 6000 Stück Ware im Werte von
36 - 40 000 Talern. Etwa 20 Jahre später aber hatte die
Innung 172—180 Verleger, die eine Industrie von etwa
24000 Köpfen beschäftigte.
Ähnlich wie die feine Leinenmanufaktur im Vogtland be—
fand sich im 17. Jahrhundert die Holz- und Spielwaren—
industrie des Thüringer Waldes in Sonneberg und Umgegend
in den Händen von Nürnberger Kaufleuten. Und auch in⸗
sofern wiederholte sich hier die vogtländische Entwicklung, als
sich seit Mitte des 18. Jahrhunderts in Sonneberg selbst eine
eigene enge Korporation von Verlegern bildete.
Übersieht man all die autonomen Bildungsformen der
Manufaktur: die Überreste und Fortbildungen der städtischen
Manufaktur des 15. und 16. Jahrhunderts, die früher ge—
schildert worden ist, die ländlich- autonome Manufaktur ur—
sprünglich kleiner Leute, endlich die Manufaktur städtischer
Kapitalisten auf dem platten Lande, so gelangt man zu dem
Eindruck, daß, zumeist ganz im stillen, das Manufaktursystem
in der Form der Hausindustrie auf dem deutschen Boden der
zweiten Hälfte des 17..Jahrhunderts immerhin schon ziemlich
verbreitet war. Vor allem die Mittelgebirge hatte es, ab—
gesehen von Städten wie Zürich, Basel, Straßburg, Frank—
furt, Leipzig, Hamburg, Bremen, erfaßt: und hier boten
Schlesien und Sachsen, Westfalen und Württemberg die hervor⸗
ragendsten Standorte. Freilich ist auch in Württemberg und
in Thüringen, wie noch mehr in Franken die Hausindustrie
doch erst im 18. Jahrhundert völlig erwacht.
Konnte es nun aber bei dieser autonomen Entwicklung
aus den Kreisen des Bürgertums heraus bewenden? War
hier nicht recht eigentlich ein Gebiet gegeben, auf dem auch
fürstlicher Wille segenspendend, schöpferisch eingreifen konnte?
Die Frage wurde schon von den hervorragendsten national⸗
bkonomischen Denkern der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts
bejahend beantwortet. So stellt z. B. Hörnigk in seinem Buche
„HOsterreich über alles“ (1684) fest, daß der gänzliche Verfall