Entstehung und erste Entwicklungsperiode des modernen Bürgertums. 163
Mischstoffen. So kam es schließlich in den Zeiten Colberts
zu einer gewaltigen Ausfuhr französischer Waren nach Deutsch—
land in Tuch, Hüten, Seide, Gold, Safran und Wein; und
eigentlich nur noch die holländische Einfuhr machte der fran—
zösischen stärkere Konkurrenz.
Was konnte man gegen diese Erscheinung tun?
Aus eigenen Kräften zu überwinden war sie höchstens an
Orten, in denen die Absatzmöglichkeit besonders günstig und
Kapitalreichtum vorhanden war; und das traf im Grunde
höchstens für die großen Städte der Schweiz, für Kursachsen
und für Hamburg zu. Im übrigen aber war man auf die
allmähliche Erziehung einer Konkurrenz höchstens noch in der
Weise angewiesen, daß man die fremden Industrien in ihren
Arbeitern selbst importierte: ein langwieriger Weg, der zudem
doch wieder viel Kapital erforderte und das kräftigste Ein—
greifen einer besonders befestigten Staatsgewalt voraussetzte.
In dieser schwierigen Lage kam nun der deutschen Ent—
wicklung wenigstens in den protestantischen Ländern eine ganz
besondere Gunst der Umstände zu Hilfe: der erneute Über—
tritt italienischer und besonders französischer Religionsflüchtlinge
auf deutsches Gebiet. Da kamen ja die Arbeitskräfte, deren
man bedurfte, ungerufen und noch mehr: die Refugianten
brachten auch vielfach noch das Kapital mit, dessen man zur
Begründung der neuen Industrien bedurfte.
Für die Einwanderung in Deutschland waren im 16. Jahr⸗
hundert vier große gegenreformatorische Ereignisse besonders
wichtig gewesen: die Regierung Marias der Katholischen in
England (1552 -1558), die Übersiedlung der italienischen
Locarner seit 1554, teilweise sogar schon in früherer Zeit, die
französischen Religionskriege seit 1562, wie sie besonders zu
den Verfolgungen der Waldenser führten, und die Herrschaft
Albas in den Niederlanden, 1567—-73. Alle diese Ereignisse
hatten protestantische Industrielle auf deutschen Boden geführt;
so kamen z. B. aus der Heimat Tizians und Veroneses die
Verfertiger der roten leuchtenden Sammetgewebe, überhaupt
der kostbaren Brokat-⸗, Sammet- und Seidenstoffe, nach Ulm,
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