Neue Gesellschaft, neues Seelenleben. 187
über dem Anwachsen der fürstlichen und adligen Tendenzen
des 17. Jahrhunderts, selbst nicht einmal den Niederländern
gelungen. Der alte Frans Hals, der achtzigiährig im Haar—
lemer Spittel starb, dieser vielleicht bezeichnendste Vertreter
der gut bürgerlichen Zeit der Niederlande, man könnte sagen
des merry old Holland, hat noch mit ansehen können, wie
auf das edel demokratische Wesen des Bürgertums Philisterei
und auf diese Philisterei höfisches Dasein folgte, wie in der
Malerei der geleckte Dou und der Salonheld Frans van Mieris
emporkamen, und wie auf der Bühne, die früher Brederoos
vergnügliche Volksstücke einnahmen, die erhabenen Schicksale
durchlauchtiger Personen gefeiert wurden. Was aber gar
Flandern und das vlamische Land überhaupt betraf, so war
schon Rubens ein Hofmann durch und durch gewesen und
hatte van Dyck es als eine hohe Ehre empfunden, wenn
Karl J. von England die Füße unter seinen Speisetisch streckte,
während Tizian noch nicht mit der Wimper gezuckt hatte, als
Karl V. ihm den Pinsel aufhob. Und da hätten die deutschen
Anfänge eines neuen bürgerlichen Patriziates eine eigene Lebens⸗
haltung entwickeln sollen?
Wir sehen, wie in Leipzig die schon genannten „Vor⸗
nehmsten“, die Ratspersonen und ihre Anverwandten wie die
„Edlen von der Kaufmannschaft“, in Prunkwaffen gleich dem
Adel einherstolzieren, wie sie sich adlig tragen und wie sie die
adlige Erziehung von Hofmeistern genießen, deren Wesen Neu⸗
kirch in den hübschen Versen geschildert hat:
Man suchet einen Maun, der in der Welt gewesen,
Der seine Weisheit nicht darf aus den Büchern lesen,
Das, was der Spanier und der Toskaner sagt,
And was der Brite spricht und der Franzose fragt,
Bis auf den Grund versteht, geübt, nach Kunst zu singen,
Mit Fechtern umzugehen, nach der Kadenz zu springen,
Bei fremden Wirten sich durch Witz bekannt gemacht
Und sieben Grafen schon halb durch die Welt gebracht.
Es sind Anforderungen, deren erzieherische Erfüllung noch
in der Person des Goetheschen Wilhelm Meister in letzten
Reflexen durchblickt. Von ihnen aus gestaltete sich dann das