Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

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Zweiundzwanzigstes Buch. 
Leben dieser bürgerlichen Aristokratie zunächst äußerlich fast 
ganz höfisch. Trugen ältere Leute, die im Anfange der 
Bildung der neuen Klasse, in der zweiten Hälfte des 17. Jahr⸗ 
hunderts lebten, noch das bürgerliche Schwarz und verwandte 
Farben früherer Zeiten, so wurde die Jugend schon damals 
adlig farbenfroh und langte über Mausefarben, Altgold und 
Graubraun schon bei der Farbe der Pfirsichblüte, bei einem 
hellen Krapprot und einer Art von auffallendem russischem 
Grün an. Dazu kam die Perücke auf, um Gewicht und 
Würde zu geben; schließlich trugen sie sogar Gymnasiasten, 
und im Jahre 1707 wurde die Frage, ob sie für Prediger 
zulässig sei, einer einschneidenden „wissenschaftlichen Unter— 
suchung“ unterworfen. Seit Beginn des 18. Jahrhunderts 
näherte sich dann die Tracht dieser Kreise unter dem franzö⸗ 
sischen Einfluß von Rségence und Rococo immer mehr der der 
Frau: Sammet und Seide in allen Farben; Spitzen als Hals⸗ 
schmuck und als Manschetten; Stickereien in Gold, Silber, 
Seide; goldene Spangen, goldene mit Edelsteinen besetzte 
Knöpfe usw. Es war eine echte Höflingstracht: denn sie her— 
stellen zu lassen und zu tragen kostete reichlich Zeit. Zugleich 
aber schritt damit die Individualisierung der Tracht fort, ein 
Vorgang, der sich, wie stets, nicht ohne Ärgernis erregende 
Dinge vollzog: schamlos entblößte Brüste, lächerliche Schminke 
und Schminkpflästerchen, Ringe „im Werte von 50 Talern 
auch bei Bürgerlichen·“·. 
Und nun färbte die neue Tracht, immerhin mit einigen 
speziell bürgerlichen Beigaben, gleichsam auch auf die Menschen 
ab: Jagd und Sport des 17. Jahrhunderts schlafen ein, die 
kostbare Toilette zwingt zu bisher unbekannten Rücksichten auf 
Wind und Wetter, man bewegt sich in Sänften und ver— 
goldeten „Karreten“ über schattige Straßen, lebt im Sommer 
in der Nähe der Stadt in kühlen Landhäusern, die ein Ver— 
hältnis zur Natur nur noch auf dem Wege einer zimperlichen 
Blumenpflege gestatten: wird selbst in Gottes freier Welt ein 
Zimmerbewohner. Und dem entspricht dann das blasse Gesicht, 
das bartlose Kinn mit seinem weichen fetten Fleisch und welke,
	        
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