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Sweiundzwanzigstes Buch.
zu verhältnismäßig frühem Untergange bestimmt; und schon
in den achtziger Jahren des 18. Jahrhunderts konnte das
Verdikt gefällt werden, es sei während seiner Entwicklung
eigentlich nichts mehr und nichts weniger verloren gegangen
als die Sprache des Herzens.
Dennoch würde man die Vorgeschichte der höheren Kultur
des 18. Jahrhunderts ohne eingehende Kenntnis dieses ersten,
wirtschaftlich bereits ganz, gesellschaftlich wenigstens schon halb
neueren Zeiten angehörenden Bürgertums schwerlich verstehen
können: Straßburg ist die Wiege des Pietismus gewesen,
während in den schweizerischen Städten Aufänge der neueren
Literatur erwuchsen; Hamburg hatte im 17. Jahrhundert eine
nicht zu verachtende bildende Kunst und die erste deutsche Oper;
von Leipzig ging die Doppelbewegung der Spenerschen Theo—
logie und der Philosophie des Thomasius aus, während es
später die Stadt der literarischen Vorherrschaft Gottscheds war;
von Breslau ist Christian Wolff gekommen. Gewiß haben
diese Kreise für die bildende Kunst nicht getan, was fie zu
leisten vermocht hätten; in Leipzig wird noch in der zweiten
Hälfte des 18. Jahrhunderts ein kleines wanderndes Wachs⸗
figurenkabinett von den „vornehmsten Personen“ aufgesucht,
während schon ein Moucheron bei Michelangelo die Gruppe der
Maria mit dem Kinde bestellt hatte, die heute über seinem
Grabe in der Liebfrauenkirche zu Brügge thront. Aber selbst
auf diesem Gebiete soll die Basler und Leipziger Architektur
der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, sollen die bürgerlichen
Gemäldegallerien und Kuriositätenkabinette der Zeit nicht mit
Stillschweigen übergangen werden. Literarisch aber ist dies
Bürgertum ohne Zweifel der soziale Träger der letzten Vor—
erscheinungen des Subjektivismus gewesen, wie sie in der
Dichtung der Brockes und Hagedorn, der Gottsched und
Gellert, der Bodmer und Breitinger schon früher geschildert
worden sind!.
Aber auch sozialgeschichtlich und verfassungsgeschichtlich
S. Bd. VII Il, S. 282 ff.