Neue Gesellschaft, neues Seelenleben. 191
wird an dem Stande gar manches zu rühmen sein, wenn wir
einmal eingehendere Forschungen über das deutsche Städte⸗
wesen des 17. und 18. Jahrhunderts besitzen werden. Und
jedenfalls endet sein Leben seit spätestens der Mitte des
18. Jahrhunderts in einer breiten und behaglichen Fürsorge
für das Wohl der seiner Leitung anvertrauten Städte in jeg⸗
licher Richtung. Da sieht man philanthropische Neigungen auf
dem Gebiete des Armenwesens erwachen, da wird den Fragen
der öffentlichen Erziehung und des städtischen Unterrichts Ge⸗
hör gegeben, da treten Gedanken der Stadtverschönerung auf:
kein Problem fast der modernen Stadtwirtschaft und Großstadt⸗
kultur, das in seinen Anfängen nicht bis in diese Zeit zurück⸗
reichte.
Freilich: es war mehr das Ausleben einer bald reifen,
ja rasch überreifen Kultur wenn auch schon eines neuen Zeit⸗
alters, als der urwüchsige Übergang zu völlig Neuem. Für
Leipzig bezeugt eine ganze Literatur von Pamphleten, wie
„Leipzig im Profil“, „Leipzig im Taumel“, „Leipziger Allerlei“,
den frühen Verfall; nicht ohne Grund spricht Goethe schon im
Jahre 1768 von dem „verfluchten Leipzig“, wo ein junger
Mann „wegbrennt wie eine Pechfackel“; und auch für andere
Städte des aristokratischen Bürgertums könnte von ähnlichen
Pamphleten und AÄußerungen berichtet werden. Um 1780 aber
bildeten Leute, welche dieser frühesten bürgerlich⸗subjektivistischen
Kultur noch anhingen, schon ein Kuriosum: „die duftenden,
zarten, in Wonne zerfließenden Herrchen, die Hände in Hand⸗
schuh versteckt, um sie vor der Luft zu bewahren, den Leib in
eine Schnürbrust gezwungen, mit reich gestickter Weste und
Atlashosen, mit zierlichem Toupet und gekräuselten Locken,
in der Hand ein Chapeau-bas-Hütchen“: ihre Zeit war
vporüber.
Der Periode des aristokratischen Bürgertums war damals
schon längst, in leisen von unten her aufsteigenden Anfängen,
dass Emporkommen eines mittleren Bürgertums gefolgt; um
1770 und 1780 stand es gefestigt da und übernahm, wenn
nicht schon voll die wirtschaftliche, so doch die geistige Fuhrung