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Zweiundzwanzigstes Buch.
folgen können. Und da bedeutet nun das Jahr 1681 einen
wichtigen Abschnitt. Während ein Jahrhundert vorher, im
Jahre 1570, noch siebzig Prozent aller in Deutschland gedruckten
Bücher lateinisch abgefaßt waren, läßt sich in diesem Jahre zum
erstenmal ein Übergewicht der deutschen über die lateinischen
Bücher feststellen: freilich haben im Jahre 1691 noch einmal,
aber nun zum letztenmal, die lateinischen Schriften die deutschen
überwogen. Im ganzen aber gewinnen die deutschen Bücher
nun entschieden den Vorrang; schon im Jahre 1714 haben sie
die doppelte Anzahl der lateinischen erreicht. Im Jahre 1730
beträgt dann die lateinisch geschriebene Literatur auf deutschem
Boden nur noch dreißig Prozent des Büchermarktes, um von
da an, namentlich seit der Mitte des 18. Jahrhunderts reißend
abzunehmen: 1754 ist das Verhältnis wie 1:4, 1759, 1764,
1772, 1781, 1788, 1787 wie 1:5, 6, 7, 8, 9, 10; 1799 ist
das Verhältnis auf 1:20 gefallen. Dabei hatte gleichzeitig
die absolute Höhe der Produktion und auch die Höhe der
Auflage des einzelnen Buches mächtig zugenommen; in Leipzig,
dem Mittelpunkte des Buchhandels, gab es am Schlusse des
18. Jahrhunderts mehr als 50 Buchhandlungen und waren
18 Buchdruckereien „mit täglich zwischen 70 und 80 Versonen“
im Gange.
Welche geistige Entwicklung birgt sich nun hinter diesen
Daten und Ziffern? Goethe bemerkt einmal in der Schrift
zur Farbenlehre: „Dasjenige, wovon das Publikum hört, daß
man sich damit in den Werkstätten, in den Studierzimmern
der Gelehrten beschäftige, das will es auch näher kennen
lernen, um nicht ganz albern zuzusehen, wenn die Wissenden
sich laut davon unterhalten. Darum beschäftigen sich so viele
Redigierende, Epitomisierende, Ausziehende, Urteilende, Vor⸗
urteilende; die launigen Schriftsteller verfehlen nicht, Seiten⸗
blicke dahin zu tun“; — und er fährt fort: „der Komödien⸗
schreiber scheut sich nicht, das Ehrwürdige auf dem Theater
zu verspotten“. Es ist die lebendige Schilderung eines geistigen
Vorganges, der in Goethes älteren Tagen noch immer anhielt,
während er schon gegen Schluß des 17. Jahrhunderts mit den