Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

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Zweiundzwanzigstes Buch. 
das erste bürgerliche Schauspiel, von Thümmels Wilhelmine 
(1764) der erste bürgerliche Roman auf deutschem Boden, 
Und trägt nicht der erste große Abschnitt des Seelenlebens 
des neuen Zeitalters, die Zeit der Empfindsamkeit, so ganz die 
unverkennbaren Züge des bürgerlichen Mittelstandes: in der 
gespreizten Beschäftigung mit den kleinsten, persönlichen Be— 
gebenheiten des Lebens; in dem breit wuchernden Sonderlings⸗ 
wesen, in das z. B. Goethes Dichtung und Wahrheit so ver— 
wunderlich einführt; in der philiströsen Gefühlsäußerung endlich, 
von der sich sogar ein Lessing in seiner Miß Sara Sampson 
gründlich erfüllt zeigt? Ja kann man nicht sagen, daß dieses 
Bürgertum längere Zeit hindurch beinah mehr durch die be— 
sonderen Formen der fortschreitenden Bildung charakterisiert 
erscheine, als durch die Wandlungen des reinen Wirtschafts- 
lebens, dessen freie Bewegung so vielfach durch fürstlichen 
Regalismus, überhaupt Regierungsfürsorge verdeckt wurde? 
Der in der Geschichte des Seelenlebens nicht seltene Fall trat 
ein, daß eine soziale Bewegung durch eine mächtige geistige 
Strömung in dem Grade mit fortgerissen und gleichsam ge— 
deckt wurde, daß sie fast nur nach dieser orientiert schien. 
Erst wenn man diesen Zusammenhang in seiner ganzen 
Breite auf sich wirken läßt, schließt sich auch die geistige Kultur 
der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in ihrer vollen Aus— 
dehnung zu einer wirklichen Einheit zusammen. Denn dies 
Bürgertum — das mittlere und schon vor ihm und noch mit 
ihm die bürgerliche Aristokratie — ist nicht bloß der soziale 
und der Bildungsträger der literarischen, sondern ganz ebenso 
der musikalischen, philosophischen, künstlerischen, überhaupt der 
seelischen Bewegung der Zeit. Die Grundlage ist dabei immer 
dieselbe: eine reichliche, zu starker geistiger Aufnahme be— 
fähigende Muße. Wie es einmal von Berlin heißt (Berliner 
Monatsschrift von 1781), in der Stadt gäbe es viele wohl— 
habende, aber wenig müßiggängerische Leute, viele, die nach 
vollbrachten Geschäften ein anständiges, simples, nicht zu kost⸗ 
bares, nicht zu viel vorheriges Raffinement erforderndes Ver⸗ 
gnügen suchten und zu genießen verständen. Solche Ver—
	        
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