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Zweiundzwanzigstes Buch.
machen. Dabei tritt schon die Idee auf, den Kaufmanns—
stand durch akademische Vorbildung zu heben; ein Kunstgewerbe
solle erzogen werden; und der Handel bedürfe der Förderung
durch eine seitens der Wissenschaften unterstützte Industrie.
Vor allem aber handle es sich um die Pflege der bürgerlichen
Gemeingüter.
Die Frankfurter Akademie von 1781 ist nicht zustande
gekommen; erst 1816 entstanden als bruchstücksweise Ver—
wirklichungen der ihr zugrunde liegenden Idee die Polytechnische
Gesellschaft und das Städelsche Institut mit seiner Kunstschule.
Ein beinahe symbolischer Vorgang. Diese Vermählung der
Bildung mit dem deutschen Bürgertum der mittleren und
oberen Stufen, zweifelsohne einer der wichtigsten Vorgänge
unserer neueren Geschichte, ist doch nirgends ganz und bis zu
vollster Verschmelzung zustande gekommen. Und die Zeit selbst
war sich dieses Mangels, ja auch der Unmöglichkeit, ihm ab⸗
zuhelfen, wohl bewußt. Vor allem fehlten die großen einigen⸗
den politischen Impulse; erst die Freiheitskriege haben sie im
höheren Sinne gebracht. Von diesem Standpunkte aus schrieb
Karl Friedrich von Moser den resignierten Satz: „Es fehlt
uns diejenige vermittelnde Macht, welche Montesquieu sogar
für die Stütze einer guten Monarchie und für den Schutz an⸗
sieht, daß solche nicht in Verwesung oder zum Despotismus
übergehe: le tiers état.“ Aber es fehlte noch mehr. Es fehlte
jene letzte Vollendung der Bildungseinheit, die vielleicht nur
eine einzige große Hauptstadt geben kann — und damit fehlte,
um nur eines der äußeren Kennzeichen der Unvollendung an—
zuführen — die charaktervolle Stimmung einer einzigen in sich
klaren und einheitlichen geistigen Gesellschaft, fehlte feftester Stil
dichterischen und künstlerischen Schaffens vom wuchtigen Vor—⸗
trag des großen Kunstwerkes herab bis zum inhaltlich und
formell fein rythmisierten Kunsthandwerke und Plauderton.
Selbst zur Ausbildung eines klaren Begriffes der geistigen
Ebenbürtigkeit ohne Rücksicht auf Unterschiede der Herkunft
und des Standes kam es daher nicht; und der Gelehrte sah
noch gern auf den Literaten als einen Proletarier herab und