Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Neue Gesellschaft, neues Seelenleben. 235 
des leidenschaftlich geliebten Mannes eine Zeitlang mit Johanna 
Gatterer geteilt hatte, die an diesem Verhältnisse hinsiechte. 
Anfang 1780 beichtete der nun dreißigjährige Sprickmann seiner 
todkranken Frau all diese Torheiten, gab ihr seine Briefe und 
schwur ihr, sich um kein weibliches Geschöpf mehr zu kümmern“1. 
Es ist eine Zeit der sogenannten Seelenehen, in der wir uns 
hewegen; und Bürger ist an den furchtbaren Folgen sogar 
einer tatsächlichen Doppelehe an Seele und Leib zugrunde ge— 
gangen. 
Natürlich fielen namentlich die jüngeren Zeitgenossen dieser 
zunächst zersetzenden Wirkung der neuen Zeit, dieser inneren 
Auflösung in den Dissoziationsvorgängen der alten, zum Opfer. 
Die Kehrseite dieser traurigen Erscheinung aber tritt darin 
hervor, daß auch die schöpferische, positive Entwicklung der 
neuen Kultur sich vor allem in den Reihen der jungen Leute 
vollzog: so auf dem Gebiete des Wirtschaftslebens, so vor 
allem aber in den eigentlichen Regionen des Geistes. In der 
Dichtung z. B. waren studierende Jugend und frühes Mannes⸗ 
alter, das den akademischen Jahren noch nicht allzu fern 
stand, die Vertreter des Fortschritts: dieses junge Deutsch- 
land war darum Schriftsteller und Publikum zugleich und 
sorgte als Publikum gleichzeitig für den Ruhm und die dem 
Schriftsteller der Zeit fast noch notwendigeren Subskribenten. 
So hat z. B. der Hainbund für Klopstocks tolle Gelehrten⸗ 
Republik allein in Göttingen 342 Subskribenten zusammen— 
gebracht, während sich in dem geistig weit bedeutenderen Leipzig 
ohne diese Agitation nur 35 einstellten. 
Sind aber die geschilderten Erscheinungen der Strebens— 
und Willensstörungen mehr vorübergehender Art, ohne den 
inneren Gang der Sittengeschichte unmittelbar allzu stark zu 
bestimmen, so nehmen die gleichzeitig auftretenden Störungen 
der gewohnten Art des Anschauens und Urteilens die Auf⸗— 
merksamkeit um so stärker in Anspruch. Denn die Unsicher⸗ 
heit, die auf diesem Gebiete eintrat, das Tasten und das 
Val. Sauer, Kürschners Deutsche Nat.Lit. 79, 34 -85.
	        
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