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Zweiundzwanzigstes Buch.
hat — das heißt jetzt Genie haben, Genie sein ... Das
Publikum liest jetzt in jeder deutschen Stadt und in Leipzig,
in dieser Autoren-Provinz, am allermeisten. Was nicht öffent⸗
lich gedruckt werden darf, wird heimlich gedruckt ... Unter
zehn jungen Herren kann man sicher acht für seinwollende
Genies halten. Sie lassen ein gut verdauendes Publikum nicht
verhungern .“ —
Inzwischen aber hatte sich dem Geniewesen parallel eine
nicht minder abnorme Erscheinung entwickelt, der Geniekultus.
Denn wenn gegenüber der Dissoziation des alten Anschauens
ind Denkens wie des früheren Wollens und Strebens kräftigere
Geister die eigene Selbständigkeit ins Unermessene steigerten
und damit den Indeterminismus der Geniezeit begründeten,
bevor dieser zur kraftlosen Mode wurde, so gab es doch auch
in den Anfängen der Geniezeit noch bei weitem mehr machtlose
zeistige Existenzen, die sich den neuen Einflüssen und zugleich der
Suggestion des Genies selbst willenlos auslieferten: die Determi⸗
nierten gleichsam der Empfindsamkeit und noch mehr des Sturmes
und Dranges. Will man ihre Pathologie recht kennen lernen,
—DDDD
Briefe Lavaters, dieses Wundertäters, Apostels, Sektenbildners
von erstaunlich-suggestiver Kraft. Wie hat ihn doch Goethe
auch in dieser Hinsicht reizvoll geschildert. „Die tiefe Sanft—
mut seines Blickes, die bestimmte Lieblichkeit seiner Lippen,
selbst der durch sein Hochdeutsch durchtönende treuherzige
Schweizerdialekt und wie manches andere, das ihn auszeichnete,
gab allen, zu denen er sprach, die angenehmste Sinnesberuhigung;
ja, seine bei flacher Brust etwas vorgebogene Körperhaltung
trug nicht wenig dazu bei, die Übergewalt seiner Gegenwart
mit der übrigen Gesellschaft auszugleichen.“
So war denn das Genie nicht bloß als das Anormale
anerkannt; obgleich Ausnahme, hatte es dennoch auch noch den
Freipaß des Modischen, für jedermann Erstrebenswerten er—
halten. Und damit erschien denn wiederum, wie einstmals in
Tableau von Leipzig 17883, S. 57.