Neue Gesellschaft, neues Seelenleben.
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strömenden Gefühl einer gesetzlichen Freiheit bewegte, davon
wird am Schlusse der Erzählung dieses Bandes eingehend die
Rede sein. Wichtiger fast noch, und darum später ebenfalls
eingehend darzustellen, ist der Weg, den auf dem Gebiete der
Dichtung vereint Goethe und Schiller gegangen sind. Ihnen
beiden, Goethe mehr für die Naturanschauung, Schiller zumeist
für die dichterische Gestaltung der Menschenwelt, gelang es,
über dem platten Naturalismus der Einzelerscheinung höhere
Prinzipien nicht bloß zu entdecken, nein zu erleben: Prinzipien,
denen sich das Einzelne fügte, indem es zugleich zum Typischen
der Natur und des Menschenschicksals erhöht ward. Und damit
nicht genug, unterstellten die Dichterfürsten auch die typisch er—
höhten Gebilde ihrer Phantasie nochmals der Einwirkung von
Urphänomenen und Ideen, die ihrem Zusammenhange den
Stempel des Notwendigen, des schlechthin Allgemeinen, des
menschlich Göttlichen aufdrückten.
Es war ein weiter Weg von den Anfängen der neuen
Kunst in einem nicht selten abstoßenden Naturalismus bis zu
diesen Höhen der Klassizität, auf denen die Gesetze neuer
ästhetischer Dominanten ehernen Tafeln anvertraut wurden.
Und wenige nur sind ihn aus der Menge der naturalistischen
Dichter und Denker bis zu Ende gegangen. Empfindsamkeit
und Sturm und Drang waren noch umfangreiche soziale Er—
scheinungen gewesen; namentlich die Kultur der Empfindsam—
keit hatte sich weiten Anhanges zu rühmen vermocht; einsam
blieb es lange um die Dioskuren von Weimar.
Aber durfte man, wenigstens für die Entwicklung im
hohen Grade schöpferischer Naturen, einen anderen Ausgang
erwarten? Auserwählt werden stets wenige sein, und höchste
Ziele vornehmlich phantasiereicher Selbstbeherrschung ziemen
nur dem Meister. Die Anschauung aber, die heute gewöhnlich
zu werden beginnt, daß die Nation als genießender und auf—
nehmender Teil den Großen von Weimar nicht habe folgen
können, bedarf doch sehr der Berichtigung. Goethe war seinem
Wesen nach Aristokrat; nie hat er den Beifall der Vielen ge—
sucht, und oft wähnte er seiner nicht zu bedürfen. Schiller