Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Neue Gesellschaft, neues Seelenleben. 289 
achtet wurden, da erschien die Gesellschaft von den üblen Trink— 
sitten der Männer beherrscht und Frauen im Grunde nur dann 
zugänglich, wenn sie an der Unmäßigkeit der Männer teil—⸗ 
— 
es für die Frauen nur selten; weder Bälle noch Maskeraden noch 
Konzerte waren als Arten wenigstens bürgerlicher Geselligkeit 
schon weiter bekannt, und nur die „Geschlechtertänze“ der 
süddeutschen Patrizier bildeten Vorläufer dieser späteren ge— 
selligen Formen. Die Männer freilich verkehrten außer Hauses; 
sie besuchten ihre Zunft- und Gesellschaftshäuser, ihre Kaffee— 
und Bierstuben, zechten, spielten und schwatzten. 
Unter diesen Umständen war auch die Erziehung der 
Kinder noch hart. Schläge waren wenigstens in bürgerlichen 
Kreisen noch allgemein als vft angewandtes Erziehungsmittel 
verbreitet, und an Stelle fester Erziehungsgrundsätze war 
impulsives Handeln nach Lust und Laune gewöhnlich. Damit 
ging Hand in Hand, daß man die Kinder, statt sie ihrem Alter 
gemäß zu kleiden, schon steif als Damen und kleine Herren 
anzog: Puder, kostbare Kleider und Galanteriedegen; galante 
Geberden, an sich haltende Repräsentation, studierte Anmut 
des Menuettes. Waren sie aber erwachsen, so sorgte eine 
niemandem verantwortliche väterliche Gewalt dennoch dafür, 
daß selbst in Berufswahl und Verheiratung ihre Zukunft nach 
elterlicher Ansicht gesichert werde. 
Diesem Bilde der Familie des ausgehenden individua— 
listischen Zeitalters stellt sich nun, in Anfängen schon seit der 
wirtschaftlichen, sozialen und Bildungsumwälzung der ersten 
Hälfte des 18. Jahrhunderts, deutlich und charakteristisch aber 
seit Empfindsamkeit und Sturm und Drang ein ganz anderes 
Bild siegreich entgegen. Die Verkehrsformen zwischen Vater 
und Kindern werden weicher; die Frau erscheint als Mitherrin 
des Hauses und als des Mannes Genossin. Zwar reden die 
Kinder die Eltern noch immer mit Sie an und sprechen vom 
Herrn Vater und der Frau Mutter; aber schon Lessing empfindet 
das doch als Zwang: er schreibt zwar als der „gehorsamste 
Sohn“ an den „hochzuehrenden Herrn Vater“, aber später, in 
Lamprecht, Deutsche Geschichte. VIII. 1. 13
	        
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