Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Neue Gesellschaft, neues Seelenleben. 291 
vor dem minder selbständigen Teile der Familienmitglieder, 
den Frauen, nicht Halt machten. Langsam schon seit der 
ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts begann für sie eine erste 
Emanzipation, und gegen das Ende des Jahrhunderts war 
es klar: „Ein gewisses Aufstreben der Weiber, eine Un— 
zufriedenheit derselben mit ihrer politischen Lage gehört unter 
die Eigenheiten unseres Zeitalters.“ Zunächst machte sich 
eine gewisse Tatkraft hervorragender Frauen überhaupt bemerk—⸗ 
lich und wuchs während mehrerer Menschenalter. Man braucht 
da nicht gerade an die alte Erzellenz Henckel in Weimar zu 
denken, die das Waldhorn blies und Eva abzuohrfeigen wünschte, 
weil sie die Menschheit ums Paradies gebracht hätte: all— 
gemein erwiesen sich die Frauen gegenüber den auflösenden 
Mächten des ganzen Zeitalters verhältnismäßig widerstands— 
fähig und erwuchsen dadurch zu selbständigerer Stellung: und 
vor Anfang und am Ende dieser ersten Emanzipation stehen 
so charakteristische fürstliche Frauen wie Liselotte von der Pfalz 
und Maria Theresia. 
Im einzelnen aber begann die Emanzipation zunächst auf 
dem Gebiete der neuen Bildung. Da zum erstenmal erschien 
eine besondere Frauenliteratur, deren Anfänge etwa durch die 
Bibliothèque des Dames, das Eröffnete Kabinett des gelehrten 
Frauenzimmers und andere Stücke gebildet wurden. Es war 
zunächst noch eine auf den Adel und die bürgerlich-aristokra— 
tischen Kreise der subjektivistischen Vorzeit berechnete Literatur. 
Aber bald drang die neue Bildung in weitere Kreise der 
Frauen, und in der Dichtung des neuen Zeitalters wurden 
diese von vornherein als einheimisch betrachtet. War doch schon 
die Wirkung Klopstocks auf Frauengemüter besonders stark; 
sind doch Goethe und auch Schiller recht eigentlich durch Frauen 
zu ihrer überragenden Größe herangebildet worden. Um die 
Wende des Jahrhunderts aber stand es fest, daß die Frauen 
zur Mitwirkung am geistigen Leben bedingungslos zuzulassen 
seien; so hat namentlich die Romantik ihre Stellung gefaßt. 
Fichte an Cotta, 27. April 1793; von Schäffle, Cotta S. 33. 
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