Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

20 
Einleitung. 
Akkorden einer Harmonielehre, die man sich heute am einfachsten an 
den protestantischen Choralsätzen der Frühzeit vergegenwärtigen 
kann. Von hier schritt dann die Freude am Gefälligen unter 
Ausscheidung aller herberen Dissonanzen in der zweiten Periode 
des Zeitalters zu jener Harmonielehre fort, die den Werken 
der großen Klassiker der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts 
zugrunde liegt, und das volle Behagen am Bel canto ent⸗ 
wickelte sich. 
Indes gleichzeitig gelangte man innerlich schon viel weiter. 
Bereits dem größten Musiker am Schlusse der ersten Periode, 
Schütz, war die Musik keineswegs bloß mehr Ohrenschmaus, 
und die Helden am Schlusse der zweiten Periode, ein Händel, 
ein Johann Sebastian Bach, erreichten, bei aller Anwendung 
noch der Mittel strenger alter Kunst, doch schon jene Beseelung 
der Musik, von der ein nur kleiner Schritt hinübertrug zu Gluck 
und mit ihm in die Anfänge des Subjektivismus. 
Hier also, auf dem Gebiete der Musik, hatten sich Gemüt 
und Empfindung auf die Dauer doch nicht als Komplexe nur 
unterer Seelenvermögen behandeln lassen: es lag im Charakter 
eben dieser Kunst wie in dem allgemeinen, dem Wesen der 
Entwicklung innewohnenden Vordrängen zu neuen, subjekti⸗ 
vistischen Zielen, daß sie Anerkennung fanden eben in den 
Zeiten, da sie von der vollendeten Theorie des Individualismus, 
der Aufklärung und dem Rationalismus des 18. Jahrhunderts, 
besonders entschieden geleugnet wurden. 
Und gilt nicht etwas Ähnliches auch von der geschichtlichen 
Entwicklung des Trieblebens und der Willenskräfte? Sicher— 
lich waren sie seit dem 16. Jahrhundert gegenüber dem ständig 
wachsenden Intellektualismus zurückgetreten; vor allem auf 
den Gebieten öffentlichen Handelns hatten sie immer mehr 
versagt: die alten Ordnungen des Mittelalters, in denen sie 
sich nach gewisser Umbildung der mittelalterlichen Form weiter 
hätten entfalten können, waren aufgegeben und entweder 
verknöchert oder zerschlagen worden. Neue Formen aber 
öffentlichen Handelns hatten sich nicht gebildet. So war denn 
Platz geschaffen worden für eine absolute Monarchie, die je
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.