Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

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Einleitung. 
Erziehungskunst von der eigentlichen Pädagogik bis zur Straf⸗ 
rechtspflege eröffneten sich mit den neuen Perspektiven niemals 
gekannte Aufgaben. Was nun Trieb hieß, sollte nicht mehr 
unterdrückt, sondern veredelt werden und damit, wenn auch 
vielleicht ursprünglich verwerflich, doch in Wahrheit ein Teil 
dessen sein, das stets das Böse ist und stets das Gute schafft. 
Indem aber so aller Fortschritt menschlicher Bildung auf 
das spezifische Innere des Menschen abzuzielen begann, wollte 
der subjektivistische Mensch nur als sittliche und geistige Perfön— 
lichkeit geschätzt, nicht aber mehr oder doch nur nebenher als 
ästhetische Erscheinung bewundert werden. Da führte denn 
ein vollentwickeltes subjektivistisches Selbstbewußtsein zu der 
Vorstellung, daß man nicht Objekt, sondern durchaus Subjekt 
sei ästhetischen Genießens, und ein verfeinerter Geschmack 
verwarf die äußerlichen Mittel persönlicher Wirkung, er— 
zwungenes Zermoniell und das Abzeichen der Trachten. Die 
Kleidung ging damit zusehends ins Einförmige, Gleichartige, 
Nüchterne, Farblose, Unpersönliche über, und nur die Frauen 
hlieben Verehrerinnen einer an ihren Körper gebundenen 
praktischen Asthetik. Ja in besonders demokratischen Gesell⸗ 
schaftssphären ging man noch weiter: die glänzende Uniform 
wurde, wo sie nicht umgangen werden konnte, zur bloßen 
Tracht der Amtsstunde, und Prahlen mit Rang und Reich⸗ 
tum, ja Schönheit erregte Anstoß. Es war eine Richtung der 
Entwicklung, die nur — und zwar in steigendem Maße — 
durch eine andere Bewegung scheinbar gegengewogen wurde, 
welche die Form und damit auch die äußere Lebens— und 
Daseinsform des Individuums für eine noch sicherere Wehr 
zum Schutze innerster persönlicher Freiheit erachtete als die 
Schlichtheit. Und ist die Schlichtheit der Männertracht der 
letzten Generationen schließlich nicht schon an sich zur Form 
geworden? 
Hinter dem im Vergleiche zur Kultur früherer Jahr— 
hunderte unscheinbaren Außern steht nun aber diese unendlich 
reiche moderne Persönlichkeit mit der ganzen Tiefe der Er— 
kenutnis ihres Selbst wie ein Leben, das fast nicht mehr in
	        
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