Die Frühromantik.
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gewachsen über die Fetischverehrung und den Fatalismus wie
den Polytheismus früherer Zeitalter, dem Verständnis des
Seins als eines Ganzen zugewandt, vor allem eine einheitliche
Auffassung des Absoluten in der Form sei es des Monotheismus
oder sei es des Pantheismus zu verlangen; und wie er die
Form des Monotheismus in dem Christentum, dem er diente,
verwirklicht sah, so verehrte er doch in gewissem Sinne nicht
minder den Pantheismus Spinozas. „Opfert mit mir ehr—
erbietig eine Locke den Manen des heiligen verstoßenen Spinoza!
Ihn durchdrang der hohe Weltgeist, das Unendliche war sein
Anfang und sein Ende, das Universum seine einzige und
ꝛwige Liebe; in heiliger Unschuld und tiefer Demut spiegelte
er sich in der ewigen Welt und sah zu, wie auch er ihr liebens⸗
würdiger Spiegel war; voller Religion war er und voll heiligen
Geistes, und darum steht er auch da allein und unerreicht,
Meister in seiner Kunst, aber erhaben über die profane Zunft,
ohne Jünger und ohne Bürgerrecht.“
Wenn nun aber Schleiermacher die Religion so auf den
frommen Drang zu einem monistisch gedachten sei es theistischen
sei es pantheistischen Gotte zurückführte, so war er doch weit
davon entfernt, diesem Drange das Sein der Zeit, insbesondere
auch den Fortschritt wissenschaftlichen Denkens unterordnen zu
wollen. Schon in den Monologen hat er einen solchen Primat
religiösen Empfindens verworfen: die freieste geistige Selbst—
bestimmung müsse obwalten; jedes Individuum habe in sich
die Menschheit auf eigentümliche Weise darzustellen und dazu
sei vor allem Eines nötig: Freiheit des Denkens, unabhängig
bon allem Gefühl, auch vom religiösen. In diesem Zusammen-—
hange bezeichnete er es denn als das Bedürfnis gerade seines
Zeitalters, „einen ewigen Vertrag zu stiften zwischen dem
lebendigen christlichen Glauben und der nach allen Seiten
freigelassenen, unabhängig für sich arbeitenden wissenschaft⸗
lichen Forschung, so daß jener diese nicht hindere und diese
aicht jenen ausschließe“. Ist aber dieser Vertrag geschlossen,
bewegen sich Glaube und Wissenschaft frei nebeneinander, so
bleibt dem sittlichen Menschen die Aufgabe, in der Dar—