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Einleitung.
Es sind seelische Krankheiten oder wenigstens pathologische
Auswüchse des Subjektivismus, die am Ende nur dadurch
überwunden werden können, daß der einzelne trotz alles
Ausdehnungstriebes seine innere Bedingtheit anerkennt, möge
er sie nun als praktische Forderung der Zeit verstehen oder
aus dem Wesen der menschlichen Seele ableiten: wobei beide
Motive im letzten Grunde miteinander zusammentreffen. Und
so tritt denn der Erpansion des Subjektivismus ein Streben der
Selbstbindung, ein besonders hoher Grad der Selbsterziehung
als eine weitere charakteristische Eigenschaft des neuen Zeit⸗
alters gegenüber.
Diese Selbstbindung äußert sich auf allen Gebieten: auf
denen der Kunst in dem freilich erst spät erfolgreichen Streben
nach den Anfängen einer neuen objektiven Stilbildung, wie
sie namentlich Architektur und Kunstgewerbe der Gegenwart
aufweisen, auf dem der Verstandestätigkeit in der überaus
regen Wirksamkeit in der Bildung idealistischer Systeme der
Philosophie und in den zunehmenden Regungen kirchlicher
Frömmigkeit sowie in den ersten Stadien, da diese neuen Aus—
wirkungen erst noch zu erwarten waren, in der merkwürdigen
Um- und Heimkehr so vieler besonders freier Geister in die
Gebundenheiten des Katholizismus. Am lebendigsten aber und
anschaulichsten hat sie sich selbstverständlich doch auf dem Ge—
giete der Willenstätigkeit entfaltet.
Hier ist das eigentlich Bezeichnende alsbald die Ent—
wicklung starker und immer stärker werdender Gemeingefühle
gegenüber dem grundsätzlichen Ichgefühl, das Stern und Kern
des Subjektivismus zu sein schien. Aber trägt das Subjekt,
indem es gegenüber den Objekten der Natur und Menschen⸗
welt lebendig wirksam wird, nicht unauslöschlich in sich eben
auch altruistische Gefühle? Und erscheint sich das Subijekt,
indem es sich als lebendigen Mikrokosmos betrachtet, nicht
jeden Augenblick auch als Durchgangspunkt unendlich vieler,
an sich doch auch aktueller Beziehungen, die es mit Natur und
Willenswelt verknupfen? Und mußte nicht endlich das zu—
nehmende Bewußtsein der auflösenden Wirkungen eines rein