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Einleitung.
deutet. Auch die Seelen des Individualismus waren religiös
noch gebunden, im Luthertum an Dogma und Sakrament, in den
reformierten Kirchen schließlich doch auch an ein dem Sakra—
mentalen nahe stehendes Dogma. Und Sakrament und Dogma
galten als unverbrüchlich. Das Zeitalter des Subjektivismus da⸗
gegen kennt keine dieser Bindungen mehr: ganz als ihre eigene
Priesterin und Lehrerin, völlig frei soll die Seele des einzelnen
ihre Lebens- und Weltanschauung bilden, ihren Gott suchen,
fürchten, lieben, verfluchen. Es ist eine Freiheit, die nur höchster
Selbsterziehung gewährt werden kann, und darum setzt ihre Er—
ringung Persönlichkeiten aktivster Natur voraus, die sich selbst
wie andere zu beeinflussen, zu bilden und zu binden wissen.
Allein ist zu verkennen, daß, neben diesen Unterschieden
der Psyche des Individualismus von der des Subjektivismus,
zwischen beiden doch auch wieder viele Übereinstimmungen be⸗
stehen, die sie beide — und mit ihnen den Charakter der ganzen
Neuzeit — als gemeinsam abweichend von früheren psychischen
Ausgestaltungen — und damit von dem seelischen Charakter
des Mittelalters und der Urzeit — erscheinen lassen? Als
Untergrund dieser Übereinstimmungen wird sich vor allem jene
stärkere Hinneigung zur Wissenschaft herausstellen, die allen
höheren Kulturen eigen ist, und das heißt jene intellektuell⸗
kausale Formgebung alles Seelenlebens, die mit dem Übergange
zum häufigeren Gebrauche des induktiven Schlusses aufzutreten
pflegt und wie eine größere seelische Freiheit, so ein rascheres
Wachstum des Erfahrungsreichtums bedeutet.
Von dieser gemeinsamen Grundlage aus läßt sich dann
der wesentlichste Unterschied des Individualismus und Sub⸗
jektivismus nochmals tiefer begreifen. Je reicher die Er⸗
fahrungen sind, deren sich die Einzelperson zu bemächtigen
hat, um voll zu leben, um so stärker und allseitiger muß ihre
psychische Energie entwickelt sein, um so mehr muß sie sich
als Mittelpunkt wichtiger Beziehungen anzuschauen wissen, um
so mehr muß damit auch ihre persönliche Daseinsempfindung
wachsen. Es sind die nunmehr eigentlichsten Unterschiede des
Subjektivismus vom Individualismus auf der gleichen all—