Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

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Einleitung. 
deutet. Auch die Seelen des Individualismus waren religiös 
noch gebunden, im Luthertum an Dogma und Sakrament, in den 
reformierten Kirchen schließlich doch auch an ein dem Sakra— 
mentalen nahe stehendes Dogma. Und Sakrament und Dogma 
galten als unverbrüchlich. Das Zeitalter des Subjektivismus da⸗ 
gegen kennt keine dieser Bindungen mehr: ganz als ihre eigene 
Priesterin und Lehrerin, völlig frei soll die Seele des einzelnen 
ihre Lebens- und Weltanschauung bilden, ihren Gott suchen, 
fürchten, lieben, verfluchen. Es ist eine Freiheit, die nur höchster 
Selbsterziehung gewährt werden kann, und darum setzt ihre Er— 
ringung Persönlichkeiten aktivster Natur voraus, die sich selbst 
wie andere zu beeinflussen, zu bilden und zu binden wissen. 
Allein ist zu verkennen, daß, neben diesen Unterschieden 
der Psyche des Individualismus von der des Subjektivismus, 
zwischen beiden doch auch wieder viele Übereinstimmungen be⸗ 
stehen, die sie beide — und mit ihnen den Charakter der ganzen 
Neuzeit — als gemeinsam abweichend von früheren psychischen 
Ausgestaltungen — und damit von dem seelischen Charakter 
des Mittelalters und der Urzeit — erscheinen lassen? Als 
Untergrund dieser Übereinstimmungen wird sich vor allem jene 
stärkere Hinneigung zur Wissenschaft herausstellen, die allen 
höheren Kulturen eigen ist, und das heißt jene intellektuell⸗ 
kausale Formgebung alles Seelenlebens, die mit dem Übergange 
zum häufigeren Gebrauche des induktiven Schlusses aufzutreten 
pflegt und wie eine größere seelische Freiheit, so ein rascheres 
Wachstum des Erfahrungsreichtums bedeutet. 
Von dieser gemeinsamen Grundlage aus läßt sich dann 
der wesentlichste Unterschied des Individualismus und Sub⸗ 
jektivismus nochmals tiefer begreifen. Je reicher die Er⸗ 
fahrungen sind, deren sich die Einzelperson zu bemächtigen 
hat, um voll zu leben, um so stärker und allseitiger muß ihre 
psychische Energie entwickelt sein, um so mehr muß sie sich 
als Mittelpunkt wichtiger Beziehungen anzuschauen wissen, um 
so mehr muß damit auch ihre persönliche Daseinsempfindung 
wachsen. Es sind die nunmehr eigentlichsten Unterschiede des 
Subjektivismus vom Individualismus auf der gleichen all—
	        
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